Ich wurde in ein verrumpeltes Büro geführt, im Kulturamt im Ernst-Thälmann-Park. Es gab keine Vorhänge, die ich hätte schließen können und es wäre auch sinnlos gewesen. Ich war nicht zu Um-, sondern zum Ausziehen hier. Aus allen Fenstern der gegenüberliegenden Hochhäuser konnte man gut in die riesigen Scheiben des hell erleuchteten Zeichensaals sehen. Ich wickelte mich nackt in meine mitgebrachte Wolldecke.

Im Saal bauten dreißig Studenten ihre Staffeleien auf und spitzten ihre Bleistifte. Der Dozent bemerkte meine Befangenheit, nahm mir die Decke ab und sagte belustigt: „Es ist schön voll heute. Das ist gut. Dann fühlt sich das Model mehr beachtet“.

Ich stellte mich vor den hellblauen Paravent und begab mich unsicher in eine Haltung, die ich vielleicht von irgendeiner antiken Steinfigur im Kopf gehabt haben musste. Die Hüfte leicht eingeknickt, den einen Arm hängen lassend, den anderen hinterm Rücken, mit der Hand die Ellenbeuge des hängenden Armes umgreifend. „Ja, so kannst du erst mal bleiben“, sagte der Dozent und fing langsam an durch die Reihen zu schlendern. „Heute haben wir wirklich ein besonders schönes Model. Da haben wir Glück gehabt.“

Der ganze Raum konzentrierte sich jetzt auf meinen Körper, aber der Dozent war der einzige, unter dessen Augen ich mich wirklich nackt fühlte. Ich stellte mir vor wie einige Augenpaare jetzt meine Wade betrachteten, andere meinen Bauch, oder meine Brüste und wie dreißig Hände versuchten mit Kohle oder Blei meine Haut darzustellen, dass man erkennt, wie sie sich anfühlt. Ich hätte gerne die Zeichnungen gesehen, auf denen unter meiner Haut die Muskeln und Gelenke dargestellt werden sollten. Ich hätte gerne gesehen, ob sie es ergründen konnten, wie mein Körper steht, wie schwer er ist und was er für einen Charakter hat. Die Köpfe hoben sich über den Reisbrettern, mit abwesend konzentrierten Blicken und tauchten wider dahinter ab. Sie kniffen die Augen zusammen, hielten den Bleistift am ausgestreckten Arm und maßen mich ab, von weitem. Alles was der Dozenten sagte, handelte von mir: „Guck mal, an der Wade hast du den Muskel nicht richtig gesehen. Und im Bauch ist noch mehr Struktur drin. Das ist noch viel zu Flächig. Das schöne Pölsterchen hier, kannst du auch nicht einfach weglassen“ Dann sagte er zu mir: „Versteck mal deine Hände hinterm Rücken. Da halten die sich sonst wieder ewig dran auf.“

Meine starre Haltung versuchte ich als Meditation zu empfinden, aber mir flossen pausenlos Gedanken durch den Kopf. Ich erinnerte mich an das Aktmodell damals in der Kunsthochschule. Die Frau war älter als wir und stand in giftgrünen Pumps und hochgestecktem roten Haar auf einem Podest. Sie schien sich immer sehr wohl zu fühlen, als einzige Nackte unter den angezogenen Studenten und stolzierte in der Pause nackt mit Zigarette durch die Reihen um sich die Zeichnungen anzusehen. Der Gedanke, dass sie genauso alt gewesen sein könnte wie ich jetzt, erschreckte mich zutiefst. Es gab auch einen Mann, der modell stand und zu dem Zweck mitgenommen wurde zur Zeichenfahrt. Er wurde nicht bezahlt, bekam nur Essen und Unterkunft umsonst. Das kam uns ominös vor. Er wurde höflich gemieden und abends am Lagerfeuer wollte keiner mit ihm reden.
Eines Abends hatte er sich in seiner Verzweiflung betrunken, setzte sich zu uns in die Mädchenrunde. Er fragte, ob wir so was auch machen würden; uns als Zeichenakt zur Verfügungen stellen. Wir zuckten die Schultern und ich sagte: „Klar, warum nicht!“
Aber eigentlich konnte ich es mir ganz und gar nicht vorstellen.

Seit ich Kinder habe, hat sich der Irrtum, dass mein Körper nur mir gehört, vollkommen aufgelöst. Ich war jetzt dankbar für den leichten Job, nebenan und hatte nicht weiter darüber nachgedacht. Ich finde meinen Körper schön und stelle keine strengen Eigentumsansprüche mehr, seit mir klar ist, dass mein Bauch demnächst Falten schlägt, die nichtmehr zu beheben sein werden.
Mir fiel wieder die Frau mit den grünen Pumps ein, die ich damals in ihrer Extrovertiertheit nicht verstanden hatte. Die Studenten, die ich jetzt mit meinem Körper arbeiten lies, verstanden mich vermutlich genauso wenig. Der Dozent war der Einzige, von dem ich mich verstanden fühlte und ich hätte jetzt gerne Blickkontakt zu ihm aufgenommen um mich sicherer zu fühlen. Aber ich konnte meinen Kopf nicht drehen. Ich vermutete ihn schräg vor mir auf dem Fensterbrett sitzend. Unvermittelt fing er aus seiner Ecke an zu dozieren: „Natürlich hat das auch mit Erotik zu tun. Das kann man nicht weglassen, nur weil wir hier im Unterricht sind. Das müssen wir mit aufnehmen. Das muss im Bild zu sehen sein. Wir machen keine Anatomie. Das machen die Ärzte. Wir machen Kunst. Wir sehen mehr als zu sehen ist. Wir sehen das Wesentliche. Wir legen unsere Seele noch mit dazu.“

Als die Stunde um war, sah ich mir die Bilder an und die Studenten lächelten verlegen. Einige entschuldigten sich bei mir für ihre schlechten Zeichnungen. „Du bist nicht so dick“, sagte ein Mädchen und drehte schnell das Blatt um. Einige Zeichnungen waren sehr gut, hatten einen fließenden Schwung, andere waren knochig verkritzelt. Aber auf keinem der Blätter war ich.

Als ich mich im Büro wieder anzog, durch den Saal ging und mich verabschiedete, gehörte mein Körper wieder mir.

Über den Autor

Franziska Hauser

Franziska Hauser

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin ist Autorin und Fotografin. An der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte sie Bühnenbild und freie Kunst, später Fotografie an der Ostkreuzschule. Sie ist freie Mitarbeiterin bei „Das Magazin-Kultur, Gesellschaft, Leben“.
Weil sie keine Lust mehr hatte darauf zu warten, dass jemand einen Text schreibt, zu dem sie die Fotos machen darf, fing sie selbst an zu schreiben.
Im Frühjar 2018 erscheint ihr zweiter Roman „die Gewitterschwimmerin“ im Eichborn Verlag.