Eine Kolumne von Bärbel Stolz

Namasté. Das ist dieser asiatische Gruß, funktioniert als Begrüßung und Verabschiedung. Man legt die Handflächen vor dem Herz aneinander und verneigt sich leicht. Das finde ich verbindlich und hygienisch. Könnt ihr ja mal ausprobieren.

Uff. Ungebetene Ratschläge mag selbst ich im Moment nicht so gerne geben. Die Menschen sind so dünnhäutig, auch ich. Ich weiß nicht, wie gut ich Stress wegen meiner gut gemeinten Worte gerade wegstecken könnte. Ach, was soll‘s. Ich mach‘ es trotzdem. Lesen auf eigene Verantwortung. Und natürlich ist mir bewusst, dass es nur eine Momentaufnahme aus meiner kleinen heilen Blase ist. So durcheinander, wie ich eben gerade bin. Jeder darf mal durchknallen.

Das gilt bei uns in der Familie seit dem Corona-Lockdown, als wir plötzlich festgestellt haben, dass das immer mal wieder passiert. Jeder von uns hat solche Momente oder Tage, an denen sie oder er plötzlich ganz dünnhäutig, erschöpft und gereizt ist. Es muss gar keinen bestimmten Anlass geben, keinen Schlüsselreiz. Die Ausnahmesituation an sich rechtfertigt das. Wir sollten das einander zugestehen und freundlich und geduldig miteinander bleiben – bis wir dann durchknallen. Bis dahin hat irgendjemand anderes wieder einen neuen Geduldsfaden gesponnen.

Wie geht es euch nach diesen Wochen? Habt ihr Neues gelernt, endlich die Bude neu gestrichen und schön gekocht? Oder sagt ihr jetzt: Was? Lockerung? Lockdown vorbei? Ich hab mich doch gerade erst hingelegt, muss ich die Jogginghose jetzt schon wieder ausziehen und mit echten Menschen sprechen? Huch. Mir passt nix mehr außer der Jogginghose. Das ist doch eine Verschwörung!

Oder gehört ihr zu den Helden, die den Laden für uns am Laufen halten? Die ihre Gesundheit, vielleicht ihr Leben riskieren in Krankenhäusern, in Altenheimen, im Supermarkt? Oder hofft ihr, endlich euren Laden wieder anschmeißen zu dürfen, um nicht in die Pleite zu rutschen?

Im März, als die schlimmen Bilder und Zahlen immer näher rückten, hab ich mich unwohl gefühlt als ich für Soko Stuttgart vor der Kamera stand. Ich war froh, als der Lockdown kam. Leider ist dieser Moment des gemeinsamen „wir schaffen das“ vom Balkon aus, wo du gerührt bist (ich hab keine Hamsterkäufe gemacht, nur eine Packung Klopapier und Nudeln!) über dich und all die anderen, nicht der Abspann des Katastrophenkinofilms, nachdem der Alltag wieder beginnt, sondern der Auftakt zu einer langen, nervenaufreibenden Zeit.

Erst schaut man mit den Kindern Opern, lädt jedes Corona-Bastelangebot runter – ich hab dutzende Tabs auf dem Computer offen –, nimmt virtuelle Museumsbesuche und Stepptanzkurse mit, man putzt gemeinsam und beschließt, die Schränke auszusortieren … und wird plötzlich so müde, erschöpft, gereizt – wovon eigentlich?

Erst war ich regelrecht euphorisiert: Wir alle gemeinsam, getrennt vereint, bekämpfen die Gefahr durch Durchhalten, Mitmachen, Dranbleiben. Ich hatte so viel zu tun: Homeschooling und Kindergardening, Kochen, Backen, Räumen, die Wohnung so gut putzen wie noch nie (die 50er sind zurück, heißt es in den Zeitungen) – und schaffe nix.

Mein Mann sitzt vor dem Rechner, checkt Corona- Zahlen, fünfmal am Tag, guckt das RKI-Pressebriefing. Homeoffice. Ich hab unendlich viel Zeit und gleichzeitig keine in dieser seltsamen Zeitschleife, in der man gefangen ist, wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“. Oh Gott, bin ich erschöpft. Warum bloß? Wir haben immerhin Platz zum Toben zu Hause und genug eingefrorene Maultaschen. Ich hab es gut, ich bin in einer privilegierten Lage. Dankbarkeit. Hilft doch immer. Macht resilient. Dann hält man schwere Zeiten besser aus. Ich bin dankbar. Allen Schreibenden. Und der Onlinebibliothek. Lesen war schon immer mein größtes Vergnügen.

Ist Homeschooling eine Zumutung? Ja, wenn man gleichzeitig noch arbeiten muss, einkaufen, kochen und so weiter. Wenn man existenzielle Nöte hat, Angst vor der Pleite. Das lähmt und treibt gleichzeitig den Puls hoch. Ich bin froh und dankbar, dass ich gerade nicht in dieser Situation bin. Für mich ist es einfach ein Geschenk, so viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. Ich hab sie immer lieb. Auch wenn ich mich manchmal nach Alleinsein sehne.

Das ist das, was ich lerne in dieser Zeit: Grenzen setzen. Wenn ich morgens um sechs Uhr laufen gehe oder Yoga mache, dann bin ich gut drauf, und das Frühstück ist fertig, wenn alle aufstehen. Dafür schaffe ich diese Großkatzen-Serie auf Netflix abends nicht.

Habt ihr was Neues gelernt? Meditieren? Kampfsport? Haareschneiden? Ich unterstütze wenig originell die Renaissance des Inlineskatens, das kann man mit der ganzen Familie machen. Meine Nachbarin lernt Cello, das ist schön. Cello ist ein sexy Instrument. Gute Wahl. Ich lerne mit den Kindern Blockflöte nach einem YouTube-Kurs. Aber ich habe immer jemanden zum in den Arm nehmen. Ich komme nicht zum Alleinsein, andere sind einsam. Wer ist die Hölle? Die anderen oder man selber? Was tröstet, wenn man allein ist? Essen? Netflix gucken? Klatschen? Reicht ein Skype-Telefonat mit den Eltern, die man so gerne sehen und am liebsten in den Arm nehmen möchte? Sollen wir alle was Systemrelevantes lernen? Zumindest als Zweitjob?

Ist Kunst systemrelevant? Ich glaube schon, weil ohne wären wir durchgedreht. Und ich mach da jetzt kein Ranking, was Kunst ist und was Quatsch, ich wär auch lieber Nabokov, aber deswegen geb ich mir ja trotzdem Mühe. Alle halten sich im Lockdown mit Kunst über den Sümpfen der Traurigkeit, aber die Künstler selber schlagen hart auf. Wer verdient jetzt noch Geld? Meine Auftritte sind abgesagt, ob und wie und wo ich die nachholen kann, weiß ich nicht. Ich habe Glück. Mein Mann ist fest angestellt. Im Homeoffice. „Für euch Comedians ist das doch eine super Zeit jetzt, oder? Toller Stoff, da kannst du doch total viel machen!“ Nee. Mir fällt nichts Lustiges ein zu so einer Pandemie. Und außerdem hab ich ja keine Zeit, siehe oben. Josef Hader, dem fällt was ein. Und den Machern von „Drinnen“. Danke. Mir fällt lange Zeit gar nichts ein und wenn, erscheint es mir sofort banal.

Ich möchte nicht mitmeckern, worüber auch, ich hab nun wirklich nicht das Recht, mich zu beschweren, weder über die männliche Wehleidigkeit, die sich in Krisenzeiten drastisch erhöht, noch über Schlangen vor dem Laden oder ungeputzte Küchen. Alle wissen alles besser. Jedenfalls besser als ich. Ich bin keine Expertin, eher so Allround-Dilettantin. Ich setze meine Schutzmasken auf. Meine Mutter hat sie genäht. Ich mag meine Augenfalten jetzt mehr, ich käme nicht auf die Idee, sie Krähenfüße zu nennen, ich nenne sie Lachfältchen und freue mich, dass sie da sind. Man sieht, wer echt lächelt. Höflichkeitslächler haben keine Chance in Zeiten von Corona. Schaut ihr euch noch an oder habt ihr das Gefühl, hinter der Maske zu verschwinden und eure Mitmenschen sind auch nur Schemen?

Keiner ist eine Insel, das wird deutlich in so einer Situation, die die ganze Welt betrifft. Das ist doch eigentlich schön. Als ich Ende März morgens laufen ging, haben die wenigen anderen Jogger mir zugenickt, wir haben uns mit einem Lächeln versichert, dass wir aufpassen aufeinander. Jetzt suche ich oft vergebens den Blickkontakt. Naja. Das ist ja vielleicht auch nur das Dorf in mir, das alle Leute auf der Straße grüßen möchte. Trotzdem war es schön.

Der Lockdown lockert. Wir dürfen wieder auf Spielplätze. Der Virus ist immer noch unsichtbar, und dass uns Wissenschaftler sagen, dass es trotzdem da und weiter gefährlich ist, stinkt manchen mittlerweile so sehr, dass sie auf die Straße gehen, um dagegen zu protestieren, dass sie Nasen-Mundschutz aufsetzen sollen und Abstand halten. Das ist doch Schikane, da werd ich aggressiv! Und Oma soll halt nicht aus ihrem Pflegeheim rausgehen, dafür verbieten wir ihren Enkeln freche Lieder zu singen wie „Umweltsau“ oder so. #

Bei Bildern von den Hygienedemos muss ich an „Outbreak“ denken, diesen Virusfilm aus den 90ern. Dort geht der Infizierte ins Kino und lacht, und man sieht die winzigen Tröpfchen aus seinem Mund in den Raum fliegen und in die lachenden Münder der anderen hinein. Wären wir jetzt in einem Film, würden die Zuschauer im Kino uns vielleicht zurufen: „Geh da nicht rein! Setz wenigstens ne Maske auf, du Idiot!“ Vielleicht. Hören wir eh nicht. Und der Virus ist halt unsichtbar, ne.

Locker bleiben trotz Lockerungen. Das fällt mir jetzt manchmal schwer. Ist die Krise eine Chance, und wir kommen alle selbstoptimiert, freundlicher, sozialer und mit aufgeräumten Schränken und neuen Sprach- und Tanzskills da raus? Oder werden wir rücksichtsloser und aggressiver? Nimm dir, was du kannst, wer weiß, wann alles wieder vorbei ist! Ändert sich etwas zum Besseren im Miteinander? Bleibt uns irgendetwas von der Hoffnung, die diese erzwungene Entschleunigung und das Auf-sich-besinnen mit sich gebracht hat? Was heißt Solidarität? Müssen wir uns um unsere Grundrechte sorgen oder den Experten vertrauen, um die Schwachen zu schützen? Brauchen wir mehr Autos oder mehr Pfleger*innen? Ach je. Das sind jetzt lauter Fragen, gar kein Rat.

Moment. So. Achtung, jetzt kommt einer: Liebe Mitmenschen, seid möglichst nett zueinander. Das macht alles besser. Wenn du jemanden einfach freundlich anlächelst, lächelt der womöglich spontan zurück. Und dann bleiben bei euch beiden die Mundwinkel noch eine ganze Weile oben, selbst mit Maske drüber. Das tut verdammt gut, ich hab es ausprobiert. Und haltet weiter Abstand. Wir alle gemeinsam getrennt vereint. Das kann ein ganz anmutiger Tanz sein, den wir da miteinander aufführen. Namasté. ■

 

Bärbel Stolz ist Schauspielerin und Autorin. Mit ihrer Figur „Die Prenzlschwäbin” hat sie schwäbische, deutsche und großstädtische Eigenheiten aufs Korn genommen und mit ihren YouTube-Videos und Live-Auftritten Menschen im ganzen Land begeistert.

Demnächst ist sie wieder mit ihrem neuen Programm „Toller Arsch“ auf Tour.

www.prenzlschwaebin.de