Eine Kolumne von Chin Meyer

2021–2023

Berlin feierte am 8. Mai als einziges Bundesland einen neuen – und einmaligen – Feiertag: den „Tag der Befreiung“. Oder, wie Björn Höcke vermutlich wutschnaubend sagen würde: „Berlin ist die einzige Stadt, die sich einen Tag der Schande und der Niederlage in ihr Herz gepflanzt hat.“ Aber das ist eben das Schöne an dieser Stadt: Seit der Geschichte mit der permanenten Nicht-Eröffnung des Flughafens werden auch Niederlagen gefeiert. Und wer schon mal ein schmerzhaftes Beziehungsende überstehen musste, weiß: Jeder Niederlage wohnt auch eine Befreiung inne. Folgt man dem „Gesetz der Reihe“, dann müsste nach dem 8. März (Weltfrauentag) und dem 8. Mai („Befreiung“) im nächsten Jahr der 8. Juli dran sein – angeblich der „Tag des Videospiels“ oder der „Fake News“– vielleicht eine würdige Erinnerung an diese Corona-Zeit?

Denn was Feiertage angeht, hinkt Berlin mit zehn bis elf Feiertagen Bayern mit zumindest 13 Feiertagen immer noch hinterher. 2022 nehmen wir den 8. September dazu, der zeitgleich der „Welttag der sozialen Kommunikationsmittel“ und der „Physiotherapie“ ist – eine würdige Kombination, geht doch die ständige Nutzung von Facebook und Instagram häufig einher mit der Notwendigkeit der Behebung von Haltungsschäden und Fingerproblemen.

Der 8. November dann (ab 2023) ist mit dem „Weltputzfrauentag“ eine wichtige Ehrung des Niedriglohnsektors. Und der Anerkennung, dass der Weltfrauentag auch eine etwas sexistische Erweiterung hat – oder, wie viele unbelehrbare Alt-Machos sagen würden: „Wo ist denn bitte der Unterschied zwischen Weltfrauen und Weltputzfrauen?“

 

2024

Schwierig wird es ab 2024, wo eigentlich der 8. Januar dran wäre. Der ist aber laut „Bibliothek der Welttage“ nirgendwo ein besonderer Tag und wird dann als „Feiertag des ganz normalen Tags“ begangen.

 

2025

Endlich kommen wir dann wieder am 8. März und Weltfrauentag an. Und empfinden es vielleicht als „Tag der Befreiung“, dass nicht andauernd ein neuer Feiertag dazu kommt. Schließlich fiel auch der zweifelsohne wichtige „Tag der Befreiung“ kaum auf – in diesen Zeiten der Quarantäne und des Lockdowns ist ein weiterer Tag mit geschlossenen Geschäften für viele Menschen nur: „Noch nicht mal mehr Aldi hat heut‘ offen!“ So gesehen ist in den nächsten Wochen jeder Tag ein „Tag der Befreiung“, an dem man auch mal wieder ins Café darf …!

Katastrophal wird es dann am Jahresende, wenn viele Kinder weinen werden: „Mami, ist etwa schon wieder Lockdown? Die Geschäfte sind zu!“ „Nein, mein Kind, das ist nur … Weihnachten!“ ■

 

Leben im Plus – Kabarett, Geld und mehr

Gewohnt bissig-unterhaltsam und höchst aktuell nimmt Chin Meyer, Deutschlands bekanntester Finanzkabarettist, private und politische Verheißungen und Glücksversprechen ins Visier. Denn Chin Meyer ist sicher: wir wünschen uns alle eine ausgeprägte Komfortzone und ein „Leben im Plus“.

Doch was passiert eigentlich, wenn wir dem Unerklärlichen, wie einem Hybrid aus Hippie und Kapitalist (Mark Zuckerberg) oder aus Staatschef und Idiot (suchen Sie sich jemanden aus), oder gar den Algorithmen die Macht über uns überlassen? In einem vehementen Plädoyer für Pluralismus kämpft Chin Meyer scharfzüngig und gut gelaunt für unsere Demokratie.

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