Haben Sie Ihrem Freund heute gesagt, dass Sie ihn lieben? Hat er Ihnen gesagt, dass er Sie liebt? Sind Sie abends ohne Ihren Freund ausgegangen? Finden Sie, dass die meisten anderen Frauen ziemliche Versagerinnen sind?

Text und Fotos: Franziska Hauser

Jeden Tag beantworte ich einundfünfzig Fragen. Die Umfrage zum Thema „Beziehungsdynamiken“ der Universität Göttingen, will die Zusammenhänge herausfinden zwischen Kleiderwahl und Selbstzufriedenheit, zwischen Sex und Beziehungszufriedenheit, zwischen Anhänglichkeit oder Eifersucht und allgemeiner Zufriedenheit und noch einige andere unergründliche Verkettungen.

Für vierzig Tage werde ich per Mail jeden Tag an den Fragebogen erinnert. Worauf hab’ ich mich da eingelassen?, dachte ich beim ersten Ausfüllen. Aber dann hat mein Freund doch gesagt, dass er mich liebt, und ich wollte unbedingt in Spalte fünfzehn unter Aktivitäten und Emotionen dieses Häkchen setzen.

Nach einer Woche überlegte ich morgens vorm Kleiderschrank, ob ich heute Abend mal sexy, verführerisch oder glamourös ankreuzen könnte unter Kleiderwahl, anstatt immer nur sportlich und praktisch. Ich fing an, mich meinem täglichen Fragebogen anzupassen und das anonyme Bild zu beeinflussen, das sich nach vierzig Tagen in der Uni Göttingen von mir gebildet haben wird.

Als ich die Einladung zum Karaoke-Geburtstag bekam, dachte ich: Nein! Niemals! Aber dann dachte ich an Punkt sechs: Ich habe es geschafft, mit meinen besonderen Beiträgen im Mittelpunkt zu stehen. Ich blätterte die Playliste durch und entschied mich für eins der einfachsten Karaoke-Lieder. Zwei Stunden, nachdem ich in der überfüllten Bar meine Nummer abgegeben hatte und mir endlose koreanische Balladen angehört hatte, wurde mein Lied gespielt. Ich rannte auf die Bühne, verpasste meinen Einsatz, hörte meine eigene Stimme nicht und konnte den Rhythmus nicht finden. Nach mir sang eine Frau, die es wirklich konnte. „Schön, wenn mal eine zeigt, wie toll es sich anhören könnte“, sagte der große schwarze Amerikaner neben mir zu der Sängerin im Vorbeigehen. Und ich dachte an Punkt sieben: Ich habe genervt reagiert, wenn mir eine andere Frau die Show gestohlen hat.

Ich fühlte mich so deutsch und typisch leistungsorientiert. Auf dem Rückweg stellte ich fest, dass die Menschen nachts auf den Straßen viel wacher, besser gelaunt und kommunikativer sind als tagsüber. Nicht so leistungsorientiert. Ich sollte mich öfter unter lustige Leute begeben. Es könnte meine Selbstzufriedenheit positiv beeinflussen.

Wie jeden Tag, den ich neuerdings mit dem Punktesystem bewertete, hatte ich es nicht geschafft, mit meinen besonderen Leistungen im Mittelpunkt zu stehen. „Ich hab’ versehentlich jemandem meine Telefonnummer gegeben“, gestand ich abends meinem Freund und überlege, ob beim Auswerten der Studie jemand den Zusammenhang zwischen dem Ja unter Heute bin ich ohne meinen Freund ausgegangen und dem Ja unter Heute hat mein Freund eifersüchtig reagiert sehen wird. Ich konnte nicht nein sagen.

Ich hatte mich in der Bar mit dem schwarzen Amerikaner unterhalten. Er saß einfach zufällig neben mir. „Und was machst du so, um Spaß zu haben?“, hatte er gefragt. Ich hatte krampfhaft versucht, nicht mit ihm zu flirten. „Meine Arbeit macht mir Spaß“, antwortete ich so langweilig wie möglich. Aber es schien ihn nicht abzuschrecken. Normalerweise werde ich nicht angesprochen von Männern, die mich fragen, was mir Spaß macht, sondern meist von Männern, die keine Fragen stellen, sondern mich stundenlang zuhören lassen. Der Amerikaner aber versuchte sich auf jedes Thema einzulassen, das ich vorgab, obwohl ich versuchte, kein Thema vorzugeben. Er schaffte es aus meinen einsilbigen Antworten ein Gespräch zu machen. Irgendwie beeindruckte mich das.

Ob ich mit meiner Beziehung zufrieden sei, ob ich sexuelle Phantasien mit anderen Männern gehabt hätte, ob es mir wichtig sei, dass andere Männer mich attraktiv finden, fragte mich die Studie. Ich versuchte, alles ehrlich zu beantworten, musste zugeben, dass ich mir so einiges vorgestellt hatte und dass ich natürlich am liebsten von jedem attraktiv gefunden werden möchte.

Nach drei Tagen schrieb der Amerikaner eine SMS. In der Bar hatte ich versehentlich Schokolade als einzige harmlose Leidenschaft angegeben. Schwarze Schokolade. Es sollte kein auf seine Hautfarbe bezogener Verführungsversuch sein, ist aber so angekommen. Es kam mir vor, als hätte meine Flirtverweigerung genau das Gegenteil bewirkt. Ich beantwortete die SMS und schrieb von meinem Freund und dass der normalerweise auf mich aufpassen würde, nur ausgerechnet beim Karaoke nicht, das könne er nicht ertragen, aber eifersüchtig wäre er schon sehr, wenn wir uns zum Schokoladeessen träfen. Der Amerikaner schrieb zurück, dass er jetzt nicht mehr wüsste, mit wem er seine Schokoladengelüste teilen solle, und dass er hofft, mein Freund wüsste, was für ein Wahnsinnsglück er mit mir hätte.

Amerikaner sind so cool, dachte ich und setzte das Häkchen bei Ich habe Komplimente von anderen Männern bekommen. Mit meinem Freund ergab sich eine Diskussion. Er sagte, dass Männer und Frauen nicht einfach befreundet sein könnten, wenn sie sich nachts in einer Bar kennenlernten. Ich fand aber, dass es nicht auszuschließen sei, und aus der Diskussion wurde ein Streit.

Als ich am nächsten Tag den Fragenbogen ausfüllte, war ich eher nicht zufrieden mit meiner Beziehung. Sex hatten wir auch keinen. Der Fragebogen wollte noch wissen, ob ich mit einem anderen Partner Sex gehabt hätte. Jedes Mal war ich ein bisschen empört über diese Frage. Ich überlegte, welche Aussagen die ganzen Häkchen über mich treffen können, wenn doch der Fragenbogen selbst die Ursache für mein Verhalten war. Ich war doch nur deswegen zum Karaoke gegangen und hatte den Amerikaner kennengelernt und mich mit meinem Freund gestritten.

Als wir uns wieder versöhnten, dachte ich daran, dass ich mir merken muss, den Sex am nächsten Tag im Fragebogen anzugeben. Bevor mein Alltagssex gezählt wurde, hatte ich ihn am nächsten Tag wieder vergessen und freute mich einfach unterbewusst still und leise auf den nächsten Sex. Aber jetzt musste ich mich ständig mit dem vergangenen Sex beschäftigen. Wer hat den Sex stärker initiiert, Sie oder Ihr Partner? Darüber musste ich jedes Mal am längsten nachdenken. Es gab kein Kästchen für: Weiß nicht mehr.

Dann kam ein Tag, an dem wieder etwas zu tun war, was ich noch nie getan hatte. Ich hatte keinen richtigen Plan und fürchtete mich. Zum ersten Mal sollte ich Studenten unterrichten. Warum kann ich mich nicht mal darauf beschränken, Dinge zu tun, von denen ich weiß, dass ich sie kann? Dann würden meine Häkchen unter der Selbstzufriedenheitsrubrik nicht jeden Tag wild umhertanzen. Dass ich mich diesen Versagensängsten immer wieder aussetze, ist bestimmt ein Zeichen für meine ruhelose SelbstUNzufriedenheit?

Die Uni Göttingen wird es mir vielleicht mitteilen. Als ich die Hochschule verließ, setzte in Gedanken endlich das Häkchen: Ich habe mit meinen besonderen Beiträgen im Mittelpunkt gestanden. Ich beschloss, mich niemals darauf zu beschränken, Dinge zu tun, von denen ich weiß, dass ich sie kann.

Von den vierzig Tagen gab es nur zwei, an denen es mir nicht wichtig war, dass mich andere Männer als attraktiv wahrnehmen. Ich hatte mich nicht für meinen Partner besonders hübsch gemacht, ihm nicht gezeigt, dass er mir wichtig ist, mich nicht von ihm sexuell angezogen gefühlt und war auch nicht besonders anhänglich. Eins meiner Kinder war krank. Zwischen Wadenwickeln und dem Umorganisieren meiner Jobs kamen mir die ganzen Fragen vorübergehend total absurd vor.

Am einundvierzigsten Tag bekam ich die Auswertung und war aufgeregt, als wäre es das Ergebnis einer Prüfung. Ich hatte mich selbst geprüft. Die Liniendiagramme und Grafiken sollten mir erklären, wie sich meine Persönlichkeit im Vergleich zu anderen Menschen verhielt. Ich sei überdurchschnittlich extrovertiert, sagte die erste Grafik. Mein Freund meinte, dass er mir das auch ohne Studie hätte sagen können. Meine Gewissenhaftigkeit dagegen lag exakt in der Durchschnittsmitte.

Das „Verträglichkeitsdiagram“ bewertete Wohlwollen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Nachgiebigkeit und war leicht überdurchschnittlich. Dann kam die Darstellung: Offenheit für neue Erfahrungen. Mein Positionsstrahl fiel fast hinten runter. Auf so viel Offenheit schien das Diagramm nicht vorbereitet. Dass meine emotionale Stabilität allerdings unterdurchschnittlich ausfiel, gab mir zu denken. Ich konnte mir nicht erklären, wie das System das herausgefunden hatte.

Ein Säulendiagramm wusste sogar Bescheid über meine Neigung zu Sex ohne Liebe. Es sagte, dass meine Bereitschaft durchschnittlich sei und übereinstimme mit meiner persönlichen Haltung zu diesem Thema. Allerdings stimme beides gar nicht überein mit der Wirklichkeit. Es gab dazu nämlich eine dritte Säule. Die zeigte meine spontane Neigung, mich affektiv auf Sex mit fremden, unvertrauten Menschen einzulassen, und ragte tief hinunter in die Unterdurchschnittlich-keit. Wie uncool, dachte ich und fühlte mich von mir selbst ertappt. Die Säulen hatten Recht und führten mir einen kleinen Selbstbetrug vor Augen.

Eine blaue Torte teilte mir noch mit, dass mein Selbstwertgefühl freitags am größten sei und dass ich mich sonntags am auffälligsten kleide, wusste die Torte auch. Ansonsten sei mein Kleidungsstil vor allem figurbetont, aber gar nicht seriös. Das System hatte die Tage mit Sex und die ohne zusammengerechnet, nebeneinander gestellt und in Verbindung gebracht mit meiner allgemeinen Zufriedenheit. Ich überlegte, ob ich das meinem Freund wirklich zeigen sollte. Er würde sich überlegen fühlen und sagen, er hätte es sowieso immer gewusst, dass sich jede Verstimmtheit durch Sex auflösen ließe.

Die Grafik war fast beleidigend einfach. Aber es war absurd, mich von mir selbst beleidigen zu lassen. Für diesen kleinen berechenbaren Überblick über vierzig Tage meines Lebens waren zweitausend Angaben in Rechenaufgaben verwandelt worden. Ich versuchte mich nicht darüber zu ärgern, dass mein Freund „Siehste“ sagte zu jedem einzelnen Auswertungspunkt. Ich hatte ihn immer für eifersüchtiger gehalten als mich selbst. Aber auf der Diagrammlinie Eifersucht des Partners gab es nur den einen Ausschlag am Karaoke-Abend. Meine Linie dagegen war dauernd latent eifersüchtig.

Mein Freund sagte: „Siehste!“ ■

mein/4, September 2019

Über den Autor

Franziska Hauser

Franziska Hauser

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin ist Autorin und Fotografin. An der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte sie Bühnenbild und freie Kunst, später Fotografie an der Ostkreuzschule. Sie ist freie Mitarbeiterin bei „Das Magazin-Kultur, Gesellschaft, Leben“.
Weil sie keine Lust mehr hatte darauf zu warten, dass jemand einen Text schreibt, zu dem sie die Fotos machen darf, fing sie selbst an zu schreiben.
Im Frühjar 2018 erscheint ihr zweiter Roman „die Gewitterschwimmerin“ im Eichborn Verlag.