Mode

Kurze Geschichte der Berliner Modebranche

Verlässt man den U-Bahnhof Hausvogteiplatz über den östlichen Ausgang, übersieht man sie leicht, die beschrifteten, in die Treppenstufen eingelassenen Metallstreifen, auf denen jüdische Firmennamen, Adressen am Platz und teilweise auch Jahreszahlen zu lesen sind, von denen die jüngsten „bis 1939“ beziffern. Erst an der obersten Stufe erfährt man, dass es sich um Auszüge aus dem „Adreßbuch der Berliner Konfektionsfirmen“ handelt. Hebt man den Blick, schaut man auf drei hohe, schmale, einander zugeneigte Spiegelflächen, die an Ankleidespiegel erinnern, wie man sie aus der Modebranche kennt. Tritt man zwischen die zu einem offenen Dreieck arrangierten Elemente, sieht man sich selbst vielfach, während die Umgebung, der ebenfalls dreieckige Hausvogteiplatz, nur bruchstückhaft eingefangen wird. Im Kopfsteinpflaster verankert sind drei Metalltafeln, die über das Schicksal der hier ansässigen jüdischen Unternehmer erzählen, die nach 1933 systematisch und mit zunehmender Gewalt aus der Konfektionsbranche verdrängt wurden, in die Emigration mussten oder den Tod in den Konzentrationslagern fanden.

Seit nunmehr 20 Jahren erinnert Rainer Görß‘ Denkzeichen Modezentrum Hausvogteiplatz an das Ende einer einhundertjährigen Erfolgsgeschichte, die 1837 begann. In jenem Jahr eröffneten die Brüder David und Valentin Manheimer, mutmaßlich nach einem Lottogewinn, in der Jerusalemer Straße 17 das textilverarbeitende Unternehmen Gebr. Manheimer. Möglich machte diese Firmengründung die Lockerung der Gewerbeordnung wenige Jahre zuvor, die Juden, denen bis dato nur der ambulante Handel mit alten Kleidern und Kurzwaren erlaubt war, die Gelegenheit bot, im vertrauten Geschäftsbereich Fuß zu fassen, nun aber auch neue Kleidung anzufertigen.

Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung schied Valentin Manheimer aus dem Unternehmen, das Herrenmäntel und -schlafröcke anfertigte, aus. Keine 200 Meter entfernt eröffnete er in der Oberwallstraße 6 mit V. Manheimer eine Fabrik, in der Damenmäntel aus dickem Wollstoff seriell und standardisiert gefertigt wurden, um sie zu erschwinglichen Preisen einer neuen Klientel – der Mittelschicht – anbieten zu können. Das Konzept ging auf, das Sortiment wurde sukzessive erweitert. Kundinnen, denen auf Maß gefertigte Kleidung zu teuer war, hatten fortan die Möglichkeit, ihre Kleidungsstücke aus fertigen Kollektionen und in verschiedenen Konfektionsgrößen auszuwählen: prêt à porter (deutsch: bereit zu tragen) – von der Stange zwar, aber en vogue.

Nur ein Jahr später bot auch der als Hirsch Gerson Levin geborene Hermann Gerson in Serie gefertigte Damen- und Herrenmäntel an, die vielleicht eine Spur exklusiver waren. Bereits 1836 hatte er ein Ladenlokal eröffnet, das „weiße Stickerei, Blonden, Tüll, Kanten, Gardinenstoff und weiße Waaren“ offerierte. Das Geschäft befand sich in der Königlichen Bauakademie, die seinerzeit nicht nur Lehr- und Verwaltungsgebäude war, sondern im Erdgeschoss auch zwölf Läden mit hochwertigen Angeboten beherbergte. Wie Manheimer war auch Gerson schnell erfolgreich, er avancierte zum Hoflieferanten und expandierte, indem er in unmittelbarer Nachbarschaft, am Werderschen Markt 5, gegenüber der Friedrichwerderschen Kirche, ein prachtvoll ausgestattetes Konfektionshaus bauen ließ. Der 1849 eröffnete Modebazar Gerson galt als „das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland“, dem vielfach auch zugesprochen wird, das erste Berliner Kaufhaus gewesen zu sein.

1849 eröffnete der Modebazar Gerson

Der Erfolg lockte Mitbewerber an: 1860 hatten sich um den Hausvogteiplatz bereits 20 Konfektionsfirmen angesiedelt, als Berlin elf Jahre später Reichshauptstadt wurde, waren es doppelt so viele, spätestens zur Jahrhundertwende lebte das ganze Viertel von der Textilbranche: Kontorhäuser entstanden und Zulieferfirmen wurden ansässig, sodass Produktion, Handel, Marketing und Verkauf eng miteinander verzahnt waren. In jenen Jahren etablierte sich auch die Berliner Durchreise, die älteste Modemesse der Welt. Zweimal im Jahr erschienen die wichtigsten Reiseeinkäufer aus Europa und Übersee, um die neuesten Trends der Berliner Modewelt zu begutachten und zum Exportschlager zu machen. Zugleich wurden Einkäufer in die Trendsettermetropolen Paris, London, Mailand und Wien entsandt, um modische Impulse der Haute Couture aufzunehmen, die für die Stange adaptiert wurden.

Während in den Konfektionshäusern die Kleidung in zunehmend glamouröseren Vorführsalons präsentiert, angepasst und verkauft wurde, war die eigentliche Herstellung frühzeitig ausgelagert worden und verteilte sich auf mehr als 600 selbstständige Schneider, sog. Zwischenmeister, die anhand vorgezeichneter Schnittmuster die aus den Konfektionshäusern gelieferten Stoffballen zuschnitten. Mit dem Nähen beauftragten diese wiederum Frauen, die mit ihren Kindern in den Mietskasernen der Berliner Außenbezirke zu erbärmlichen Niedriglöhnen in Heimarbeit beschäftigt waren. Bis zu 100.000 Näherinnen sollen auf diese Weise saisonal für die Konfektionsbranche tätig gewesen sein – anfangs noch händisch, später mithilfe der Nähmaschine, der eine elementare Bedeutung in der Erfolgsgeschichte der seriellen Fertigung von Kleidung zukommt.

1856 brachte der Amerikaner Isaac M. Singer eine erste haushaltstaugliche Nähmaschine auf den Markt, sieben Jahre später wurde bei Frankfurt/Main die erste deutsche Nähmaschinenfabrik eröffnet, womit das „Schnellnähdings“ auch hierzulande seinen Siegeszug antrat: Arbeitserleichterung versprechend, zugleich eine enorme Produktionssteigerung garantierend. Selbst in den 1920er-Jahren konnte der Bedarf an Bekleidung in Deutschland noch komplett im Inland hergestellt werden.

In den Jahren der Weimarer Republik erlebte die Berliner Modebranche ihren Höhepunkt. Die kriegsbedingten wirtschaftlichen Probleme steckte die Konfektionsindustrie gut weg. Mit der Entstehung von Groß-Berlin wurde die Stadt zur Weltmetropole, die neuen Freiheiten der fragilen Demokratie wurden ausgetestet. In der Damenmode der „Goldenen Zwanziger“ dominierte der „Berliner Chic“: figurbetont, androgyn, elegant und frech – die „Neue Frau“ war en vogue. Frauen emanzipierten sich, junge Designerinnen eröffneten Modeateliers und Hutsalons. Filmstars wurden zu Stilikonen, Modejournalistinnen zu Meinungsmacherinnen. Illustrierte Modezeitschriften berichteten von neuesten Trends, einige enthielten Schnittmusterbögen für die Hausschneiderei, um Modeaffinen aller Schichten zu ermöglichen, sich trendbewusst zu kleiden, was den guten Geschäften der Konfektionshäuser keinen Abbruch tat.

Stilikone Louise Brooks (1925)

Erst die Weltwirtschaftskrise dämpfte 1929 die Euphorie – die Berliner Konfektion geriet unter Druck. Die Firma Manheimer gab 1931 die Geschäfte auf, das Unternehmen Hermann Gerson durchlief im Jahr darauf erfolgversprechend ein Insolvenzverfahren, die Machtübernahme der Nationalsozialisten vereitelte jedoch die angelaufene Sanierung. In den Folgejahren wurden jüdische Betriebe „arisiert“ oder stillgelegt. Die einhundertjährige Tradition fand ein brachiales Ende, die wirtschaftliche Bedeutung des bis dahin zweitgrößten Berliner Industriezweigs wurde vorsätzlich zerstört.

Von 2.700 rund um den Hausvogteiplatz ansässigen Unternehmen blieben im Jahr 1939 noch 98 nicht-jüdische übrig. Eines davon war das Kaufhaus Rudolph Hertzog, das, da die Besitzer christlich waren, als einziges aus der Gründerzeit der Konfektion die Zeit des Nationalsozialismus überstand. Im selben Jahr wie Gerson hatte Rudolph Hertzog 1839 ein Manufakturwarengeschäft eröffnet. In der Breiten Straße 13 verkaufte er Meterware, aber auch Teppiche und Möbel zu Festpreisen. Die Geschäfte liefen dank regelmäßig gedruckter Reklameanzeigen und ausgefallener Marketingideen so gut, dass das kleine Ladenlokal in den nächsten Jahrzehnten mehrfach umgebaut und erweitert werden konnte und schlussendlich das 102-fache seiner ursprünglichen Nutzfläche hatte.

Kaufhaus Rudolph Hertzog (1900)

Während das Lebenswerk der jüdischen Mitbewerber von den politischen Machthabern zerstört wurde, verkaufte Rudolph Hertzog als Deutsches Fachgeschäft für Textilwaren neben eleganter Damen- und Herrenmode zwischen 1936 und 1945 auch „parteiamtliche Bekleidung (Uniformen, Mützen etc.) und Ausrüstung“, ob dies bereitwillig geschah, muss hier unbeantwortet bleiben. Der Enkel des Firmengründers betonte im Entnazifizierungsverfahren seine „parteipolitische Zurückhaltung“ – erfolglos. 1949 erfolgte die Enteignung des durch Luftbombardements stark beschädigten Gebäudes, von dem heute nur eine Fassade an der Scharrenstraße erhalten ist. Nach der Sanierung 1970 befanden sich bis zum Ende der DDR ein Jugendmode-Kaufhaus und ein Hochzeitsausstatter in den Räumlichkeiten.

Erstaunlicherweise begann der Wiederaufschwung der traditionsreichen Modeindustrie in Berlin direkt in den ersten Nachkriegsmonaten. Modejournale und Frauenzeitschriften, denen alsbald wieder Schnittmuster beilagen, entstanden unter alliierter Lizenz mit dem Argument, dass „ein wichtiges Gebiet weiblichen Lebens“ nicht verdrängt werden soll, „nur weil die materielle Erfüllung beschränkter ist als früher“. Modesegmente in Wochenschauen gaben praktische Upcycling-Tipps: wie aus einem Filzvorhang ein Herbstmantel wird oder Seidenreste zu einem eleganten Turban. Flickenkleider waren in der Mode des ersten Nachkriegsjahres der letzte Schrei. Zahlreiche Mode- und Mannequinschulen wurden wieder- oder neueröffnet. Fotoshootings und Modenschauen zwischen Berliner Ruinen verkündeten eine allmählich zurückkehrende Normalität.

Die Mode der Nachkriegszeit bestimmte ab 1947 der elegante, taillenbetonte „New Look“ des französischen Designers Christian Dior, der auch die Berliner Modewelt inspirierte. 662 Kleidungsbetriebe, die etwa 50.000 Menschen beschäftigten, zählte der Berliner Magistrat bereits 1946. Das Konzept von Zwischenmeistern und Heimarbeit erlebte eine Renaissance. Der Großteil der Firmen siedelte sich jedoch nicht am ausgebombten Hausvogteiplatz an, sondern nahm im Westen, rund um Kurfürstendamm und Tauentzienstraße, aber auch in Wilmersdorf und Grunewald Quartier. Die Kreationen entstanden in Westberlin, die Stoffe kamen aus Westdeutschland.

Alsbald erschwerte die Berlin-Blockade das Geschäft: Stoffe wurden während der Luftbrücke von dort nach Berlin geflogen, h

ier verarbeitet, um dann wieder ausgeflogen zu werden. Für die Berlinerinnen blieb die neue Mode ein Traum, denn ein Großteil der Waren war für den Export bestimmt. Bedingt durch den zunehmenden Inselstatus der westlichen Halbstadt wurden Düsseldorf und München ab den 1950er-Jahren zu Modezentren ausgebaut und stellten schnell eine ernsthafte Konkurrenz dar.

Wenngleich auch Westberlin vom Wirtschaftswunder dieser Jahre profitierte, mit der Durchreise die älteste Modemesse der Welt wiederbelebte, mit dem Bikini-Haus am Zoo 1957 einen neuen Produktions- und Präsentationsstandort für Berliner Designerinnen und Modemacher schuf, und obgleich jedes dritte in Westdeutschland verkaufte Kleid hier produziert wurde, begann der schleichende Niedergang, der mit dem Mauerbau 1961 unaufhaltsam voranschritt. Kreative und Zulieferer verließen die Stadt, die in den Messehallen am Funkturm gebündelte Modemesse interchic konnte sich als Nachfolgerin der dezentral veranstalteten Durchreise nicht etablieren.

Institut für Bekleidungskultur (1955)

Einzelne Designer wie Uli Richter hielten die Fahne hoch, Berlin wurde Tummelplatz des Nachwuchses und der Avantgarde. Als Wirtschaftsstandort spielte Westberlin jedoch in der Modewelt keine Rolle mehr. Im Ostteil der Stadt wurde Betriebe der Konfektionsindustrie zunehmend verstaatlicht, 1952 zog das Institut für Bekleidungsindustrie, das als nachgeordnete Einrichtung des Ministeriums für Leichtindustrie gegründet wurde, ins Haus der Mode, das vom Krieg verschont gebliebene Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße. 1957 wurde es in Deutsches Modeinstitut, 1972 in Modeinstitut der DDR umbenannt. Seine Aufgabe bestand in der „Erarbeitung der theoretischen Grundlage für die Entwicklung der Mode, die Gestaltung der Erzeugnisse der Textil-, Leder- und Bekleidungsindustrie und der Publizierung und Präsentation der Modelinien“.

In den bis unters Dach eingerichteten Werkstätten für Schmuck, Hüte, Schuhe und Bekleidung wurden Musterkollektionen auf internationalem Niveau entworfen, die angesichts von Rohstoffengpässen nur ansatzweise umgesetzt werden konnten. Trotz materieller Beschränkungen wurden die Ergebnisse zweimal jährlich vorgestellt, ebenso wurden internationale Modewettbewerbe mit Fachleuten aus ganz Osteuropa abgehalten. Darüber hinaus versuchte das Institut modische Richtlinien vorzugeben, selbst solch kleinen, inhabergeführten Manufakturen, wie dem Berliner Pantoffelhersteller Jünemann.

Um die vorgeschlagenen Trends bekannt zu machen, gab das Modeinstitut auch die größte Modezeitschrift der DDR heraus: Sibylle, die 1956 erstmals erschien, durch anspruchsvolle Ästhetik bestach, wenngleich die gezeigte Mode nur wenig mit der realsozialistischen Wirklichkeit gemein hatte.

Die Bekleidungsherstellung war über die ganze Republik verteilt, Berlin wurde mit dem im Lichtenberg ansässigen VEB Bekleidungswerke Fortschritt zum größten Produzenten von Herrenmode. Wie im Westteil der Stadt etablierte sich in den 1980er-Jahren auch in Ostberlin eine Nische für avantgardistische junge Modermacherinnen und -macher: So sollen Modegruppen wie chic, charmant & dauerhaft oder Allerleirauh mit bizarren Inszenierungen den VEB-Designern den Schneid gestohlen haben.

Bei Null musste die Modeszene in Berlin nach dem Mauerfall also nicht anfangen, jedoch war die Stadt weit davon entfernt, eine Modemetropole zu sein. Während die Bekleidungsbetriebe der DDR abgewickelt oder durch die Treuhand privatisiert wurden, etablierten sich Mitte und Prenzlauer Berg in den 1990er-Jahren zu angesagten Modespots: Ateliers, Manufakturen und Designerläden entstanden rund um den Hackeschen Markt und die Auguststraße. Hier eröffneten beispielsweise Stefan Dietzelt und Martin Ruppert direkt nach der Modeschule in einer ehemaligen Eisdiele ihr erstes Geschäft.

1999 zogen die Eisdieler in die Kastanienallee. Sie waren die ersten Modemacher in der gänzlich unterentwickelten Straße, für die Gentrifizierung noch ein Fremdwort war. Schnell folgten weitere Berliner Label, Boutiquen, Showrooms und Vintageläden, von denen viele, aber längst nicht alle, wieder verschwunden sind: Die Kastanienallee wurde zur Castingallee, ein Ruf, der ihr bis heute anhaftet. Auch den Bremer Stefan Reinberger zog es nach Prenzlauer Berg, obwohl die Kundinnen seiner maßgeschneiderten Couture-Kollektionen in den 1990er-Jahren eher am Ku‘damm flanierten. Wenngleich die Grenze heute nicht mehr so scharf gezogen werden kann, steht der gutbürgerliche Westen der Stadt jedoch nach wie vor für hochwertige Couture, während in Berlins Mitte eher Streetstyle geschneidert und verkauft wird.

Anfang des neuen Jahrtausends machte Berlin einen wichtigen Schritt in Richtung Modemetropole: 2003 wurde die erste Premium-Messe in einem U-Bahn-Tunnel am Potsdamer Platz als Businessplattform für zeitgenössische Mode ausgerichtet, im selben Jahr fand auch die Bread & Butter als Leitmesse für Streetwear und Alltagsmode erstmals in Berlin statt. Sie machten Berlin zum international beachteten Modestandort, der etablierten Modehäusern, vor allem aber auch jungen Berliner Labeln die Möglichkeit bot, überregional wahrgenommen und anerkannt zu werden.

Seit 2007 waren diese und weitere Modemessen Teil der von der Senatsverwaltung für Wirtschaft ins Leben gerufenen Berlin Fashion Week, die vor allem durch ihre zahlreichen Modenschauen mediale Aufmerksamkeit erregte. Im Sommer 2020 verkündeten die Premium und die Nachhaltigkeitsmesse Neonyt, bis dahin elementare Bestandteile der Berliner Modewochen, ihren Umzug nach Frankfurt/Main ab dem Sommer 2021.

Durch den Weggang manifestiert sich der Ruf Berlins als Partystadt, in der viel und Aufregendes passiert, in der aber nicht unbedingt Geschäfte gemacht werden. Nichtsdestotrotz soll die Berlin Fashion Week auch ohne die Messen weiterhin stattfinden. Stefan Reinberger sieht hier gerade für kleinere Label eine Chance, wieder sichtbarer zu werden. Es sei ihnen zu wünschen. Ob die Berliner Modeszene Modewochen wirklich braucht, ist eine gute Frage, wenn man sieht, was die vielen Designerinnen und Designer in dieser Stadt täglich auf die Beine stellen.  ■

 

Das „Harrods von Berlin“

Den Titel als erstes Kaufhaus Berlins dürfte Gersons Konfektionspalast das Kaufhaus Nathan Israel streitig machen, das bereits 1843 im Nikolaiviertel entstand. Bis in die 1920er-Jahre hinein wurde es sukzessive erweitert, indem die Gebäude der Nachbargrundstücke erworben und integriert wurden, zum Teil, ohne sie architektonisch anzugleichen. 1928 beschäftigte das „Harrods von Berlin“, das neben Kleidung und Konfektionswaren auch Haushaltsgeräte, Spielzeug, Parfüm, Uhren und Möbel verkaufte, knapp 2.000 Angestellte, für die die Firma auch soziale Verantwortung übernahm, indem sie Weiterbildungen ermöglichte und Pensionsregelungen schuf.
Der letzte Inhaber des Kaufhauses, Nathan Israels Urenkel Wilfrid, musste sich 1939 dem politischen Druck der Nationalsozialisten beugen und den Familienbetrieb verkaufen. Zu dieser Zeit und auch nach seiner Emigration in seine Geburtsstadt London beteiligte Wilfrid Israel sich aktiv an der Rettung von Juden aus Deutschland. So spielte er eine wichtige Rolle bei der Organisation der Kindertransporte nach den Novemberpogromen 1938. Am 1. Juni 1943 kam Israel bei einem Flugzeugabsturz infolge eines Geschosstreffers der deutschen Wehrmacht ums Leben. Im selben Jahr fiel der Kaufhauskomplex im Bombenhagel in Schutt und Asche. Heute erinnern zwei Stolpersteine in der Spandauer Straße an das Kaufhaus und an Wilfrid Israel.

 

Berlins ältestes Hutgeschäft

Das traditionsreiche Geschäft Kleemann Hüte wurde 1905 am heutigen Standort in der Schönhauser Allee 131 eröffnet. Es ist das älteste noch existierende Hutgeschäft Berlins. Im Hinterzimmer befindet sich eine kleine Werkstatt, in der Hüte maßgefertigt, angepasst, repariert oder aufgepeppt werden.
Mit seiner Originaleinrichtung aus den 1930er Jahren verbindet das Ladenlokal nostalgische Gemütlichkeit mit zeitgemäßem Sortiment. Die Modistin Doreen Persche, die das Geschäft 1998 übernommen hat, möchte sich nicht auf Trends festlegen, bemerkt jedoch – dank der Fernsehserie Babylon Berlin – ein grundsätzliches Revival der Hutmode der 1920er-Jahre: Topfhüte für die Damen und Ballonmützen für die Herren.

 

Berlins letzter Pantoffelmacher

1908 begann Bernhard Jünemann in seiner Magdeburger Wohnung mit der Herstellung von Pantoffeln. 1927 zog sein Sohn Otto nach Berlin und eröffnete ein Ladengeschäft mit Werkstatt in der Lottumstraße. Seit 1981 ist der Betrieb in der Torstraße 39 (damals Wilhelm-Pieck-Straße) beheimatet. Gab es zur Wendezeit noch sieben Pantoffelhersteller in Berlin, ist Jünemanns Pantoffeleck seit 1992 das einzig verbliebene Unternehmen.
Seit 2007 führt Reno Jünemann das Geschäft in vierter Generation. Da Mode vergänglich ist, möchte er seine Hausschuhe gar nicht als Mode bezeichnen. Dass sie zunehmend auch von jungen Leuten wiederentdeckt werden und langsam Kultstatus erreichen, mag Jünemann selbst manchmal kaum glauben.


Text: Marc Lippuner