Portrait

„Kurz und knapp“ – Norbert Leisegang

 ​„Kurz und knapp“ ist eine Interviewserie des Berliner Fotografen Jens Wazel, ​basierend auf seinen Videoporträts auf ​www.jenswazelphotography.com


Kurz und knapp … wer bist du?

Ich bin Musiker und Sänger der Gruppe Keimzeit.

Es gab gerade mehrere Jubiläen …

Ja, ich bin mittlerweile 60 Jahre alt und Keimzeit gibt es seit über 40 Jahren. Ich bin was Jubiläen betrifft eher gleichgültig, aber ich freue mich, dass ich noch gut am Leben bin und dass ich mit der Band immer noch auf der Bühne sein und Musik machen darf. Ich finde, wenn man 60 Jahre erreicht hat, ist das ein Grund zu entspannen und zu sagen: „Was jetzt noch kommt – und das kann einiges sein – das sind die Zugaben.“

Wie ging das los mit der Musik?

Der Urknall zur Musik war die Familie: In der Familie Leisegang wurde schon immer Hausmusik gepflegt. Die Eltern kauften uns vier Kindern Instrumente: Gitarre, Akkordeon, auch Zither haben wir gespielt, und mein jüngerer Bruder bekam irgendwann ein Schlagzeug zu Weihnachten. Wir haben dann die erste Band gegründet, die hieß noch „Jogger“, und unsere Eltern waren so progressiv, dass sie uns auf dem Gehöft in Lütte einen Proberaum hingebaut haben. Da haben wir dann viel Zeit mit Musikmachen verbracht.

Wie bist du zum Songschreiben gekommen?

Ich bin autodidaktisch rangegangen. Ich hatte ein Tonband und habe mir Songs wie „Love Cats“ von Cure immer wieder angehört, den Text rausgeschrieben, soweit es ging, und die Harmonien dazu. Das haben wir dann versucht nachzuspielen, haben uns quer durch die angloamerikanische Popmusik gecovert.

Und dann kam in den Achtzigern in Deutschland die Neue Deutsche Welle, die sich mehr in Richtung Punk orientierte. Das hat mir eine ganze Menge Mut gegeben, eigene Songs zu schreiben. Haben deine Songs eine „Strickart“? Bei den Texten habe ich mich am Anfang an Songschreibern orientiert, bei denen nicht alles plakativ gesagt werden musste.

Es ist schwierig, „Plakatsongs“ zu schreiben, die eine lange Bedeutung oder Halbwertszeit haben. Die Songs, die man mit Metaphern, mit Poesie umschreibt, sind zum einen langlebiger und zum anderen erreichen sie das menschliche Herz klarer.

Musikalisch war es so, dass ich mir eine Tonart ausgesucht habe, die zu meiner Stimme passt. Und dann ist daraus ein Song entstanden. Dann noch einer, und dann habe ich gemerkt, dass ich mich auch oft wiederhole. Da komme ich auch nicht mehr raus. Es ist quasi meine Handschrift, was erstmal gut ist, aber ich habe auch keine Chance, mich sehr weit davon zu entfernen.

Wie schreibt man einen guten Song?

Es ist recht einfach, einen Vierzeiler oder Achtzeiler hinzulegen und dazu eine Melodie zu trällern. Ob das dann bei jemand anderem ins Herz geht, ist schwer zu sagen. Und auch, wie man das macht. Da bleibt ein großer Teil an Glück – oder vielleicht sagt man Talent dazu, das einem geschenkt wird. Wenn jemand anderes sich plötzlich den Text merkt, den du geschrieben hast, ist das ein Zauber und wie bei der Musik: Da muss der Allmächtige kurz mal anwesend gewesen sein, sonst funktioniert es nicht.

Keimzeit hat am Anfang sehr viel live gespielt …

Keimzeit war in den Achtzigern eine Band, die sehr publikumsnah war. Das Publikum und wir waren mehr oder weniger alle eine Generation.

Wir wollten alle aus dem täglichen gesellschaftlichen Leben der DDR ausbrechen, suchten eine Insel, auf der wir uns so frei wie möglich bewegen konnten. Und da fand sich dann auf einer Waldlichtung oder in einem Gasthof ein Völkchen von Neo-Hippies zusammen und man hat sich über drei bis vier Stunden im Konzert und in den Pausen den Abend vertrieben, Quatsch gemacht, Fußball gespielt und sich über Musik ausgetauscht. Das war zum großen Teil sehr unpolitisch.

Du hast vor Kurzem im Fernsehen gesagt, dass du nach der Wende eigentlich keine guten Songs mehr geschrieben hast, wie war das gemeint?

Da war ein Stück Selbstironie mit dabei. Und auch ein Stück Wahrheit, weil ich mir schon darüber bewusst bin, dass man die besten Songs schreibt, wenn man jung, unbeholfen und noch sehr frei in seinen Gedanken ist.

Es ist für kreative Menschen auch immer gut, wenn sie viele Probleme haben, persönlich als auch gesellschaftlich. Wenn sie sich durchkämpfen müssen und jemanden haben, der Verbote ausspricht. Dann sind Künstler am kreativsten.

1998 gab es dann auch wirklich einen Bruch …

Wir hatten uns eine Fangemeinde erspielt bis in die Mitte der Neunziger, als zu den Konzerten 500 bis 1.000 Leute kamen. Wir haben Alben veröffentlicht wie „Irrenhaus“, „Kapitel 11“, „Bunte Scherben“ und „Primeln und Elefanten“, mit einem sehr naturalistischen Sound.

1998 haben wir dann das „Elektromagnetische Feld“ aufgenommen, wo wir der Technik freien Lauf ließen, also auch Computer und mehr Keyboards eingesetzt haben. Wenn man genau hinhört, merkt man, dass die Grundsteine meines Songwriting auch da realisiert wurden, aber drei Viertel unseres Publikums entfernte sich damals von uns, die sind den Weg nicht mitgegangen. Da waren wir sehr enttäuscht.

Es hat dann lange gedauert, bis sich Mitte der Nullerjahre wieder eine Normalität einstellte, dass die Leute, die die Zeit ab ’98 bei Keimzeit toll fanden, mehr wurden und die Kritiker peu à peu weniger.

Und dann keine Experimente mehr?

Ich bin nach wie vor sehr experimentierfreudig. Immer dann, wenn wir mit einem neuen Produzenten ans Werk gehen, haben wir ein neues Mitglied in der Band. Und die sollen und wollen auch zum großen Teil Altherkömmliches aufbrechen. Insofern klingt das eine oder andere Album von Keimzeit wie ein starker Bruch. Ist es aber nicht.

Gibt es auch noch andere Projekte?

Es gibt das Mutterschiff Keimzeit und parallel dazu einen akustischen Klangkörper, mit Kontrabass, Geige, akustischen Gitarren und Schlagzeug. Dann hatten wir das Glück, mit dem Filmorchester Babelsberg zusammenarbeiten zu dürfen. Und es gibt eine Zusammenarbeit mit dem Theater in Gera, wo wir als Liveband für ein Ballettstück auf der Bühne stehen.

Wie geht es euch in der jetzigen Situation (Corona Lockdown)?

Jeder erlebt es individuell, wie es ist, nicht konzertieren zu können. Es gibt einige in der Band, die großen Bock darauf haben, auf die Bühne zu gehen und die sich ein Stück weit ausgebremst fühlen.

Ich selbst sehe es gerade nicht so, weil ich im Februar dieses Jahres angefangen habe, für ein neues Album zu schreiben und mir eigentlich viel Zeit gewünscht habe.

 

Denkst du manchmal darüber nach aufzuhören?

Ich denke bisher noch nicht darüber nach auszusteigen. Ich hoffe irgendwann den Punkt für mich lokalisieren zu können, an dem ich sage: „Bis hierher hat‘s Spaß gemacht, jetzt macht‘s keinen Spaß mehr, jetzt gebe ich das auf.“ Es wird nicht von wirtschaftlichen Dingen abhängen, es wird inhaltliche Gründe dazu geben. Oder gesundheitliche.

Die Musik mit Keimzeit, mit der Band ist für mich so wie Ein- und Ausatmen, es ist wirklich etwas, das ich zu meinem Leben brauche. Durch das Songschreiben therapiere ich mich auch, reflektiere mich immer wieder.

Und es ist auch nach 40 Jahren immer noch mein Grundinteresse, gute Alben aufzunehmen und mich dann zu freuen, wenn es gelungen ist. Und wenn man natürlich auch im besten Falle Applaus dafür bekommt.

Du siehst sehr fit aus, wie machst du das?

Hervorgerufen durch meinen Vater, der Sportlehrer war, hatte ich schon immer eine Verbindung zum Sport und brauche den auch.

Ein roter Faden in meinem Leben ist das Geräteturnen, das ich schon seit meiner Kindheit praktiziere, ich bin immer noch wöchentlich einmal in der Turnhalle. Ich bin auch ein Waldläufer, schwimme und spiele gerne mal eine Runde Volleyball. Und das hält dann natürlich auch fit.

Wo fühlst du dich zu Hause?

Ich bin gerne im Fläming, besuche auch immer wieder mein Heimatdorf Lütte und lebe seit einigen Jahrzehnten in Potsdam und in Berlin. Ich mag dieses Brandenburgische sehr, die Mentalität der Leute, ob nun in der Stadt oder auf dem Land. Ich weiß, wie die ticken und die wissen, wie ich ticke, man versteht sich sehr schnell nonverbal.

Über Brandenburgs Grenzen hinaus ist mir auch die deutsche Sprache oder die deutsche Mentalität wichtig, ob nun die hessische, die thüringische oder die mecklenburg-vorpommersche, die verstehe ich, weil wir auch mit der Band schon seit Jahrzehnten quer durch Deutschland touren. Das ist Heimat für mich.

Vielen Dank!

 

Info

Norbert Leisegang ist Musiker und Sänger der Gruppe Keimzeit, mit der er seit über 40 Jahren Musik macht und die bisher 18 Alben veröffentlicht hat. Er lebt in Potsdam und Berlin und arbeitet derzeit an einem neuen Album.

www.keimzeit.de

 

Jens Wazel ist Fotograf und Tanzlehrer. Im Osten aufgewachsen, wohnt er nun – nach 25 Jahren in den USA – wieder in Prenzlauer Berg.
‘Er hat eine Serie mit Videoporträts und ist seit 1987 Fan von Keimzeit.

www.jenswazelphotography.com

 

Fotos: Jens Wazel