Ich war jetzt alleine in dem abgedunkelten Raum mit dem großen Bett, der Massageliege und den beiden Wasserbecken. Er hatte im Rausgehen gesagt, dass ich mich auf den Bauch legen sollte. Aber ich stand unschlüssig herum weil ich nicht wusste wo das Kopf und wo das Fußende war. Hatte er überhaupt gesagt, dass ich mich auf die Liege legen soll? Oder vielleicht auf das Bett mit den vielen kleinen Kissen? Ich war zur Wellnessmassage hier. Der Gutschein war schon zehn Monate alt. Ich hatte ihn beim Aufräumen gefunden, unter dem Stapel der zu erledigenden Dinge. Die Massage wollte ich jetzt erledigen obwohl ich keine nötig gehabt hätte. Ich war ganz entspannt weil ich ja gerade soviel Zeit hatte. Ich setzte mich im Tanga auf die Liege und zog die Beine hoch. Warum werde ich überhaupt von einem Mann massiert, überlegte ich. Ist es in Wellnessstudios nicht üblich, das Frauen von Frauen massiert werden und Männer von Männern? Es sind doch gerade zwei Frauen in der Lobby gewesen und mit Kunden hinter Türen verschwunden. Mit Männern. Beide Masseusen modelmäßig schön, wie üblich im Prenzlauer Berg.

Mein Masseur sah auch gut aus. Er kam rein und ich sagte schnell: „Ich weiß gar nicht wie rum eigentlich“. Er machte mit dem Zeigefinger eine lässige Kreisbewegung und zeigte auf das Kopfende. Ich drehte mich fügsam, legte mich auf den Bauch und strich meine Haare aus dem Nacken. Er goss mir warmes Öl auf den Rücken und fragte ob ich irgendwelche Verspannungen hätte. Nein, hatte ich nicht. Ich überlegte warum ich eigentlich hier war und ob er sich das jetzt auch fragte. Meine Muskeln gaben gleich ihre Funktion ganz auf, als er einen erheblichen Teil meines Pos in die Massage einbezog. Ich ergab mich einer angenehmen Willenlosigkeit als hätten mir seine Hände die Gedanken aus dem Kopf gesaugt. „Streichelmassage“, dachte ich, als er seine Finger in mein Dekolleté schob. Ich überlegte ob ihm das Ausmaß meiner Ergebenheit eigentlich klar war und hoffte, dass es ihm eigentlich nicht klar war. Er fing an mein Becken zu drehen und massierte tief unter meinen Bauch. „Leg dich mal auf den Rücken“, sagte er und deckte mich beim Umdrehen zu. Er fuhr mit einer Hand unter die Decke bis zum Solarplexus. Dann nur mit einem Finger auf der Linie hinab zu meinem Bauchnabel. Ich fand, dass das jetzt schon mehr war als nur eine Massage und dachte, dass ich vielleicht doch irgendwie verklemmt bin, wenn ich darüber jetzt nachdenken muss ob das noch Wellness oder schon Erotik ist.
Ich bin Achtunddreißig und stelle seit ein paar Jahren fest, dass ich immer leichter zu erotisieren bin. Es braucht nur jemand mein Knie zu streicheln dann fängt mein Gehirn schon an auszusetzen. Das war vor fünf Jahren nicht so. Den Massagehänden schien das Phänomen ganz geläufig zu sein.

Ich überlegte wer mir den Gutschein eigentlich geschenkt hatte. Es war eine Freundin, die immer soviel arbeitet, dass sie keine Zeit hat für eine Beziehung. Sie sei glücklich ohne hatte sie gesagt und das hatte mich gewundert. Jetzt wunderte es mich nicht mehr. Sie ließ sich offenbar stattdessen hier massieren. Und im Gegensatz zu mir musste sie dabei nicht daran denken, dass ihr Freund eifersüchtig wäre, wenn er wüsste wie hier mit Frauenkörpern umgegangen wird. Der Masseur schob die Decke über meinem Bauch zur Seite und ich dachte an meine Schwangerschaftsstreifen. Vielleicht schätzt er ja das Alter der Kundinnen gewohnheitsmäßig an den Bäuchen ab, dachte ich. Dass Mütter besonders dankbare, manchmal ausgehungerte Wohlfühlpatienten sind hatte er sicher schon herausgefunden. Und wie sich die Prenzlauer Berg Frauen regelmäßig auf seine Liege holen ließen auch. Die Genauigkeit seiner Fingerspitzen schien mir fast arrogant. Sie waren es gewohnt auf bedingungslose Zustimmung zu stoßen.

Als ich anfing rotierende Sonnenblumen zu sehen war die Zeit um und er sagte ich solle noch ein bisschen nachruhen. Ich war alleine unter der weichen Decke ohne die warmen öligen Hände. Ich atmete einmal tief, setzte mich hin und war in einem ganz benebelten Schwebezustand.
In der Lobby bedankte ich mich bei dem Mann mit den arroganten Händen und taumelte auf die Straße. Ich lächelte meinen Freund an, dem ich vor unserer Haustür begegnete und konnte irgendwie nicht mehr aufhören zu lächeln. „Du grinst ja wie ein Honigkuchen. Was is denn mit dir passiert?“ Ich erzählte ihm was der Masseur mir gemacht hatte und er verbuchte es zum Glück unter akzeptabler Alltagserotik. Meine Selbstvergessenheit hielt noch ein paar Stunden an. Wir setzten uns in ein Straßencafé am Kollwitzplatz zwischen die glücklichen Prenzlauer Berg Mütter. Diese kultivierte Zufriedenheit macht mich normalerweise aggressiv. Ich habe mich daran gewöhnt mir außerirdisch vorzukommen auf den lieblichen Straßen dieses Stadtbezirkes. Jetzt kam es mir vor als hätte ich das große Wohlbehagen durchschaut. Die Frauen, die mir sonst so fremd waren, schienen wissend zu nicken als wäre ich endlich eingeweiht in das Geheimnis der friedlichen Mütter vom Prenzlauer Berg.

Über den Autor

Franziska Hauser

Franziska Hauser

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin ist Autorin und Fotografin. An der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte sie Bühnenbild und freie Kunst, später Fotografie an der Ostkreuzschule. Sie ist freie Mitarbeiterin bei „Das Magazin-Kultur, Gesellschaft, Leben“.
Weil sie keine Lust mehr hatte darauf zu warten, dass jemand einen Text schreibt, zu dem sie die Fotos machen darf, fing sie selbst an zu schreiben.
Im Frühjar 2018 erscheint ihr zweiter Roman „die Gewitterschwimmerin“ im Eichborn Verlag.

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