Die aufgeregte Kindergärtnerin brauchte am Straßenrand lange, um die Gruppe zu einem ordentlichen Quadrat zusammenzustellen. Aus ihrer Erwachsenenposition hatte sie Sicht über die Reihung der Köpfe, und die gefiel ihr noch nicht. Wieder war jemand ein paar Zentimeter zu weit nach rechts oder links, vorne oder hinten gerückt. Mit Feldwebelkommandos gelang es ihr, aus dem zappelnden, plappernden Kinderhaufen ein perfektes Quadrat zu formen.

So! Sie waren bereit zur Überquerung der Straße. Doch der bevorstehende Schritt, von sechsundzwanzig Kinderbeinen auf die gefährliche Fahrbahn, versetzte die Kindergärtnerin sichtlich in Panik. Mit nach hinten gebreiteten Armen, beugte sie den Oberkörper weit nach vorne, um zu sehen, ob die Luft rein war. Dann schnell noch ein Kind zurück ins Format geklappst, stellte sie sich auf die Fahrbahn, einen Arm wie ein Polizist erhoben und mit dem anderen die Kinder durchwedelnd: ACHTUNG, ZACK ZACK! JETZT, HOPP HOPP! ZÜGIG, ZÜGIG!

Als das schöne Quadrat sich gerade auf der Mitte der Fahrbahn befand, musste eins der vorderen Kinder über etwas gestolpert sein, vielleicht über einen offenen Schnürsenkel.

Innerhalb weniger Sekunden lag die wohlgeordnete Kinderkompanie in wirrem Haufen übereinander. Mitten auf der Straße.

Die arme Frau ließ mit einem panischen Entsetzensschrei Mark und Bein aller Lebewesen im Umkreis von hundert Metern erzittern. Sie fuchtelte mit den Armen und versuchte die Kinder aufzuheben, die selbst schon dabei waren aufzustehen und durch ihren Eingriff wieder hin fielen. Jetzt drehte sie sich um, mit den erhobenen Handflächen in Angriffs-Abwehr-Haltung als Auto-Stop-Geste und sah, daß sich in beide Richtungen bereits kleine Kolonnen gebildet hatten. Der Anblick machte eigentlich einen geduldigen Eindruck, beruhigte sie aber offenbar überhaupt nicht. Der Nervenzusammenbruch stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Aber noch funktionierte die Kindergärtnerin in ihr. Sie wollte sich wieder dem Haufen widmen, da konnte sie gerade noch dem letzten Kind hinterher rennen, an das rettende Ufer.

Auf der anderen Straßenseite, sahen alle Kinderaugen besorgt in ihr Gesicht und versuchten davon abzulesen, was jetzt kommen würde. Würde sie noch mal schreien? Würde sie schimpfen? Würde sie diesmal vielleicht sogar weinen? Nein, sie war aus der Puste und setzte sich auf eine kleine Steinmauer. Hingesetzt hatte sie sich noch nie, wenn sie zusammen in der Stadt unterwegs waren. Sie atmete tief und schwer. Und dann fing sie an zu lachen.

Über den Autor

Franziska Hauser

Franziska Hauser

Franziska Hauser, geboren 1975 in Berlin ist Autorin und Fotografin. An der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte sie Bühnenbild und freie Kunst, später Fotografie an der Ostkreuzschule. Sie ist freie Mitarbeiterin bei „Das Magazin-Kultur, Gesellschaft, Leben“.
Weil sie keine Lust mehr hatte darauf zu warten, dass jemand einen Text schreibt, zu dem sie die Fotos machen darf, fing sie selbst an zu schreiben.
Im Frühjar 2018 erscheint ihr zweiter Roman „die Gewitterschwimmerin“ im Eichborn Verlag.

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