Bärbel Stolz Kolumne

Bärbels ungebetener Ratschlag – Woke im SUV

SUV-Zeichnung

Eine Kolumne von Bärbel Stolz

Es regnet in der Arktis, es brennt in Kanada, die Taliban übernehmen Kabul und die Corona-Zahlen steigen. Was tun? Wollen wir ordentlich Thunfisch essen, ehe der vollends weggefischt ist? Und die Seychellen und die Malediven abfliegen, ehe die absaufen? Oder jeden Freitag auf die Straße gehen mit den jungen Leuten, die auch ein Recht auf Zukunft zu haben glauben? Naja, am liebsten beides, wa?

Was kann ich oder du oder wir denn tun für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft? Bei mir im Prenzlauer Berg sind wir eigentlich schon sehr weit, was das Weltretten angeht; wir sind woke! „Woke“ bedeutet auf Deutsch „wach“, „aufgewacht“, „wachsam“. Aber nicht das „aufgewacht“, was die Verschwörungstheoretiker meinen. Achtung, das müsst ihr unterscheiden. Also, bei uns im Prenzlauer Berg bedeutet es, dass jemand ein Bewusstsein und damit eine Wahrnehmung für Ungleichbehandlung und die Diskriminierung von Menschen hat. Also theoretisch.

Und wir sind fair und nachhaltig: Von der gesamten Energie, die hier an einem einzigen Tag beim kollektiven Yoga verbrannt wird, könnte man eine mittlere Kleinstadt ein Jahr mit Strom versorgen – wenn man das irgendwie ins Stromnetz einspeisen könnte. Aber ich bin sicher, irgendein findiges Start-up im Prenzlauer Berg arbeitet da schon dran.

Also in Sachen Gesundheit, Nachhaltigkeit und Selbstoptimierung macht uns keiner was vor. Und trotzdem … Manchmal denk ich auch: Es müsst sich was ändern! Wenn ich mit meinem SUV zum Biomarkt fahre, dann sind da die Parkplätze oft so voll, ich find einfach keinen Platz für mein Auto, gell. Und ewig um den Block rumkurven, das ist ja auch nix für die Umwelt, bitte! Und wenn was frei wird, ist es so schmal, dass ich gar nicht auf Anhieb reinkomm´, ohne dass ich links und rechts was verkratze. Ich merk es auch jeden Tag, wenn ich die Kinder zur Kita bringe, wie verstopft die Stadt ist. Da sind so viele Autos unterwegs, ich brauche oft an die 25 Minuten für die 500 Meter. Und wenn ich dann da bin, dann krieg ich wieder keinen Parkplatz vor der Waldkita. Und da denk ich dann auch: Es müsst viel weniger Autos geben! Man müsste die Autos einfach abschaffen in der Stadt.

Auch wenn ich meine Kinder abhole, die Wikipedia und den Bruno-Hugo-Luis: Wie oft hab ich da jetzt schon ein Kind überfahren mit diesem großen SUV? Weil man die so leicht übersieht, wenn die da so hocken in der Spielstraße! Ich bin schon froh, dass es nicht meine eigenen Kinder waren, aber es ist schon unangenehm. Es müsste viel bessere Spielstraßen geben. Wo man vielleicht mit dem Auto gar nicht reinfahren kann. Oder robustere Kinder. Oder kleinere Autos. Aber – geht das überhaupt? In der Großstadt? Also an meinem Auto liegt´s nicht. Das ist so intelligent, das parkt von selber ein. So intelligent sind viele Kinder halt leider nicht – und da passiert dann eben schnell was. Und das ist ja absurd, denn ich fahr den SUV ja, weil er so sicher ist. So ein Ozeandampfer. Da kann mir nix passieren. Und ich KÖNNTE jederzeit spontan ein fertig aufgebautes Hochbett einkaufen. Das mache ich natürlich nicht, die Kinder haben Betten und bekommen nicht zweimal im Jahr ein neues, das wäre nicht nachhaltig. Außerdem würde ich das ja online bestellen und liefern lassen – aber ich habe die FREIHEIT, dass ich es KÖNNTE. Und das ist schön.

Ja, ich habe es schon gut, das weiß ich. Manchmal habe ich direkt ein schlechtes Gewissen, weil ich so privilegiert bin. Aber immerhin denk ich drüber nach, gell. Das ist wichtig, das schlechte Gewissen beim Einkaufen und in Urlaub fahren und Kindererziehen und überhaupt. Fürs Karma. Also, ich flieg nicht einfach so dreimal im Jahr in den Urlaub. Ich flieg nur noch zweimal und ich denk dabei ganz fest: „Bähh, eigentlich soll mer des ja net.“ Eine gesunde Flugscham verringert den CO2-Fußabdruck zwar nicht, aber da ist es auch wie beim Schenken: Der Gedanke zählt. Die Haltung. Aber das Skifahren in der Schweiz – das mag mein Mann halt so gern und er sagt immer: Die Berge sind Millionen Jahre alt, auf denen kann man schon ein bisschen rumrutschen, so schnell gehen die nicht kaputt. Und in die Schweiz ist der Flug ja so kurz, da wird der Landeanflug schon angekündigt, bevor man den Tomatensaft halb ausgetrunken hat. So ein kleiner Miniflug, den merkt das Klima doch vielleicht gar net, bei so vielen anderen Fliegern, die die ganze Zeit unterwegs sind. Das ist, wie wenn man im Club auf der Tanzfläche einen Furz lässt, die Bässe sind so laut, das kriegt keiner mit, und auf der vollen Tanzfläche kann das ja jeder gewesen sein.

Naja – und Bali, ganz ehrlich, da wohnt halt irgendwie meine Seele, das brauche ich einfach zum Runterkommen, so vier Wochen in dieser wunderschönen, einfachen Bambushütte. Und wenn wir nicht kommen würden … also, die leben ja auch vom Tourismus da! Und wenn wir nach Hause kommen, bin ich ein ganz neuer Mensch. Der Stress ist einfach von mir abgefallen. Da sieht die Welt wieder ganz anders aus. Für mich. Für die anderen halt nicht, aber man muss ja bei sich selber anfangen.

Aber wenn ich so Elend sehe und Leid und Kummer und Ungerechtigkeiten und verhungernde Eisbären, dann tun mir diese Sachen auch immer total leid, wirklich. Man müsste sich einfach engagieren für eine bessere Welt! Aber dann denk ich wieder: Was kann ICH denn tun und vor allem WANN? Ich komm ja so jetzt schon kaum rum mit meinem Haushalt, dem Job, der Familie, den Kindern und wenn ich dann auch noch Yoga machen will – und das muss einfach sein für meinen Rücken – dann ist praktisch gar keine Zeit mehr eigentlich. Und das sind auch Probleme. Halt nur meine in dem Moment.

Und bei vielen Sachen denkt man ja auch: Okay, was soll das jetzt bringen, wenn ICH darauf verzichte, in die Südsee zu fliegen oder das Lachs-Sashimi zu bestellen … wenn alle anderen das trotzdem machen?

Ich möchte ja auch nicht, dass mein Kind sich zurückgesetzt fühlt, weil es das einzige ist, das nicht die in Plastik verpackte Öko-Bifi in der Vesperdose hat! Und dass ich jetzt auf den Latte-To-Go verzichte, weil ich meinen wiederverwendbaren Becher vergessen habe – das rettet die Welt ja auch nicht. Oder?

Gut, man könnt sagen: Es macht sie ein klitzekleines bisschen besser. Aber „ein bisschen besser“, das ist mir zu popelig. Das reicht doch nicht. Deswegen sag ich es jetzt euch.

Damit das nicht bloß ich mache, sondern viele, jeden Tag mehr – und das müsst dann schon sein, bitteschön, weil allein solidarisch sein, macht auch keinen Spaß … Das ist wie mit dieser Mund-Nasen-Bedeckung – und ich weiß, dass Corona jetzt echt schon lange war, aber: Zumindest Ausatmen sollte man in geschlossenen Räumen immer noch in einen Tröpfchenfänger hinein. Wenn man keine Wasserschildkröte ist. Die können durch den Po atmen. Da wäre dann bei Menschen die Hose drüber. Praktisch. Mit Hose einkaufen müssen finden die meisten gar keine Zumutung. Apropos Einkaufen: „Hinterfrage dein Konsumverhalten.“ Hab ich gemacht.

Ich habe überlegt, wo ist das Pro, wo das Kontra? Gut, man könnte ja sagen, das vermehrte Onlineshopping schafft natürlich Arbeitsplätze – bei DHL, bei Hermes … werden die eigentlich immer noch ausgebeutet, die Paketboten oder geht das jetzt? Also mal abgesehen von den kleinen Corona-Hotspots im Frachtzentrum – ich hab fünf paar Sneaker bestellt, aber am Ende hab ich sie dann doch zurückgeschickt. Konsumverzicht, weil jetzt ist ja bald wieder Winter, da brauch ich dann doch eher Stiefel – und da war der gesamte CO2-Fußabruck größer als der von einem Sneaker. Auch blöd irgendwie. Morgen geh ich in einen Schuhladen. Wenns sowas noch gibt bei uns in der Gegend. Siehst du? Du kannst was tun!

Also, machen wir das zusammen, okay? Die Welt retten. Weil, ich hab diese Woche keine Zeit mehr, aber es hat ja auch keiner gesagt, dass ich das alleine machen soll. Deshalb müssen wir das alle zusammen machen. Jeder ein bisschen was. Kein Mensch verlangt, dass du dich mit Greta Thunberg an einem Wal festkettest oder dass du dich nur noch von Wurzeln und Staub ernährst. Aber mal so bissle mitdenken? Nachhaltige Stadtplanung und Pflanzen pflanzen zur Luftverbesserung zum Beispiel, das muss gar nicht aufwendig sein: Die Salatkernmischung, die wieder abgelaufen ist, weil ich sie halt immer wieder kaufe, ist so gesund, sieht so hübsch aus – mag halt keiner bei uns. Mittlerweile haben wir sehr viele davon bei uns im Schrank. Die verteile ich jetzt immer in der Stadt, am Bordstein, im Park, in den Blumentöpfen vor den Cafés. Und im Frühling sprießt das alles und ganz Berlin ist eine einzige grüne Salatschüssel. Und das poste ich dann auf Instagram.

Das ist doch was, das uns Mut macht und Hoffnung gibt, mehr noch als das eigene gute Aussehen oder das Mittagessen der Katze. Die Welt retten ist doch immer noch sexy, oder? Auch wenn das heutzutage nicht mehr Bruce Willis mit einem riesen Haufen Dynamit macht, sondern nerdige Klugscheißer-Kinder – aber die werden immerhin unterstützt von sexy Promis wie Leonardo di Caprio. Und mir. Und dir! Und dann kannst du ja auch noch wählen gehen demnächst. Das mache ich auf jeden Fall. Gern geschehen.

P. S.: Ich habe gar keinen SUV – aber pssst!

Bärbel Stolz

Bärbel Stolz

ist Schauspielerin und Autorin. Mit ihrer Figur die Prenzlschwäbin hat sie schwäbische, deutsche und großstädtische Eigenheiten aufs Korn genommen und mit ihren YouTubeVideos und Liveauftritten Menschen im ganzen Land begeistert. Hoffentlich bald ist sie mit ihrem neuen Programm Toller Arsch wieder auf Tour. www.prenzlschwaebin.de 

 

© Foto: Pavol Putnoki