Folge 11:

Die Altstadt Spandau

Dies vorneweg: Spandau ist älter als Berlin. Und auch sonst gibt es in der Altstadt einiges zu entdecken, auf das man als Berliner neidisch sein könnte. Wer Lust auf Fachwerkbauten, barocke Bürgerhäuser und abgefahrene U-Bahnstationen hat, die Wiege der Reformation in der Mark Brandenburg entdecken möchte oder die Spree in die Havel fließen sehen will, sollte sich mal einen Tag Zeit nehmen, in Ruhe durch die Alt-Spandauer Gässchen flanieren und am Lindenufer pausieren. Es lohnt sich.

Text & Fotos: Marc Lippuner

Historische Stadtmauer, Hoher Steinweg, Spandau
Historische Stadtmauer, Hoher Steinweg

Das Gründungsdatum von Spandau liegt im Ungewissen, die älteste erhaltene urkundliche Erwähnung findet sich auf einer im Jahr 1197 vom brandenburgischen Markgrafen Otto II. unterzeichneten Urkunde, in der er einen „Everardus advocatus in Spandowe“ erwähnt. Gemeint ist hier mutmaßlich die askanische Burg nördlich der heutigen Altstadt, die dendrochronologisch für eben dieses Jahr nachgewiesen ist. Erst eine Urkunde aus dem Jahr 1232 bezieht sich auf die Stadt, die sich aus einer Siedlung neben der Burg entwickelte. Die Spandauer Altstadt entstand auf einer Insel, an jener Stelle, wo die Spree in die Havel mündet. Das älteste Siedlungsgebiet befand sich wiederum auf einer kleineren Insel, Behnitz genannt, die ein Wasserarm von der Altstadt trennte, bis er 1912 zugeschüttet und mit der Straße am Juliusturm überbaut wurde. Hier findet man noch 57 Meter der 1319 errichteten sechs Meter hohen Stadtmauer, und nur wenige Meter davon entfernt, am Möllentordamm 1, das älteste erhaltene Fachwerkhaus Berlins, erbaut im Jahr 1694. Von hier aus gelangt man direkt in eine der romantischsten Straßen Berlins, den Kolk: Urige Fachwerkhäuser aus dem frühen 18. Jahrhundert sieht man hier, aber auch die mit floralen Ornamenten verzierte Fassade einer Mietskaserne aus der Gründerzeit.

Häuser im Kolk, Berlin Spandau
Häuser im Kolk

In Sichtweite entdeckt man noch ein leuchtend weißes spätbarockes Haus mit abgerundeten Ecken und dem charakteristischen Walmdach sowie die neoromanische Marienkirche des Schinkelschülers August Soller. Nach der St.-Hedwigs-Kathedrale ist sie, 1847/48 erbaut, die zweitälteste römisch-katholische Kirche im Großraum Berlin. Äußerst sehenswert ist der vor gut 20 Jahren aufwendig sanierte, farbenfrohe Innenraum mit seiner dunkelblauen Kassettendecke und dem sternenverzierten Gewölbe des Altarraums.

Was sich am Behnitz architektonisch zeigt, ist exemplarisch für die gesamte Spandauer Altstadt: Sie ist ein wildes Konglomerat aus Fachwerkbauten, barocken Bürgerhäusern, Mietskasernen der Jahrhundertwende und – bedingt durch großflächige Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – Modellbauten der Nachkriegsmoderne sowie Wohnhäusern, die bis heute in Baulücken hochgezogen werden. Deutlich sichtbar wird dies am Markt, dem geografischen Mittelpunkt der Altstadt. Hier sieht man Wohn- und Geschäftshäuser aus dem 19. Jahrhundert wie das Haus der Unternehmensfamilie Brose, an dessen Fassade viermal täglich ein Glockenspiel erklingt. Im dahinterliegenden fachwerkbebauten Handwerkerhof gibt es Manufakturen, eine Schmuckgalerie und einen Kunstsalon. Rechts vom neoklassizistischen Brose-Haus reckt sich ein schmales, 1912 errichtetes Gebäude mit Art-déco-Anmutung in die Höhe, direkt daneben entstand 1927 ein Kaufhaus der Familie Sternberg, in dem heute die Sparkasse eine Filiale unterhält. Am Markt 5 und 6–8 stehen zwei mustergültige Warenhäuser der 1950er-Jahre, die ebenfalls als Baudenkmal deklariert sind. Am Markt 1 wurde 1930 von Richard Ermisch und Adolf Steil ein der Neuen Sachlichkeit verpflichtetes Büro- und Geschäftshaus für die Spandauer Bank entworfen. Diesem Gebäude musste der alte klassizistische Rathausbau weichen, der bereits 1913 ausgedient hatte, als ein von Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth entworfenes neues Rathaus am südlichen Zipfel der Altstadt seiner Bestimmung übergeben wurde. Das repräsentative Verwaltungsgebäude mit seiner 116 Meter langen Fassade entsprach weitaus mehr dem Selbstbewusstsein der ehemaligen Festungsstadt als der kleine Vorgängerbau am Markt. Zusammen mit dem 1890 eröffneten kaiserlichen Hauptpostamt und dem 20 Jahre jüngeren Paketamt, in denen heute die Volkshochschule und die Stadtbibliothek ihren Sitz haben, flankiert das Rathaus bis heute eindrucksvoll den Weg in die Altstadt.

Kaiserliches Postamt Berlin Spandau, heute Volkshochschule
Kaiserliches Postamt, heute Volkshochschule, Carl-Schurz-Straße 17

Mit seinem 80 Meter hohen Turm ist es eine weithin sichtbare Landmarke, die in einer Luftlinie mit den beiden anderen herausragenden Spandauer Türmen liegt: dem der Nikolaikirche im Herzen der Altstadt und dem 30 Meter hohen Juliusturm an der Zitadelle nördlich des Behnitz. Wunderbar nachvollziehen lässt sich dies an dem bronzenen Blindentastmodell, das 2017 vor dem Gotischen Haus aufgestellt wurde.

Das Gotische Haus in der Breiten Straße 32 ist das älteste erhaltene Bürgerhaus Berlins. Sein Kernbau wurde bereits im 15. Jahrhundert errichtet, um 1800 erhielt es eine klassizistische Fassade. Im Zuge der Sanierung wurde ein Teil des Mauerwerks wieder freigelegt – ein Anblick der für Irritationen sorgt, zugleich aber auf die gegenwärtige Bestimmung des Gebäudes verweist: Als Dependance des Stadtgeschichtlichen Museums, das im Zeughaus der Zitadelle beheimatet ist, informiert es an authentischem Ort über die Alltagsgeschichte Spandaus. In dem spätgotischen Bau mit seinem faszinierenden Netzrippengewölbe wird darüber hinaus zeitgenössische Kunst in Wechselausstellungen gezeigt. Auch die Tourist-Information ist hier untergebracht.

Gotisches Haus, Breite Straße 32, Berlin Spandau
Gotisches Haus, Breite Straße 32

Der Gotik zuordnen lässt sich auch das vielleicht bedeutendste Bauwerk der Spandauer Altstadt, die Ende des 14. Jahrhunderts fertiggestellte St.-Nikolai-Kirche mit ihrem 77 Meter hohen Turm – bis zum Bau des Rathauses über Jahrhunderte das mit Abstand höchste Gebäude der Gegend.

Sankt Nikolai am Reformationsplatz
Sankt Nikolai am Reformationsplatz

Historische Relevanz erlangte der dreischiffige Backsteinbau am 1. November 1539, als Kurfürst Joachim II. sich hier erstmals das heilige Abendmahl nach lutherischer Lehre in beiderlei Gestalt reichen ließ und damit die Reformation in der Mark Brandenburg einläutete. 1889, zum 350. Jahrestag dieses Ereignisses, wurde ein von Erdmann Encke geschaffenes Bronzestandbild des Regenten vor dem Haupteingang der Kirche enthüllt, im 400. Jahr wurde der Platz rund um die Kirche in Reformationsplatz umbenannt.

Standbild Joachims des Zweiten vor St. Nikolai
Standbild Joachims II. vor St. Nikolai

Im Haus Nummer 12 findet man mit Spandovia Sacra (Heiliges Spandau) das reformationsgeschichtliche Museum der Kirche, das thematische Wechselausstellungen mit Exponaten aus eigenem Bestand präsentiert. Zwischen dem Museum und der Kirche steht auf der nördlichen Seite des Platzes das älteste Denkmal Spandaus, das im April 1816, am dritten Jahrestag der Befreiung der Stadt von französischen Truppen, eingeweiht wurde. Karl Friedrich Schinkels symbolhaftes, der Romantik verpflichtetes, aus Eisen gefertigtes Denkmal für die Gefallenen der Freiheitskriege zeigt zwölf Lanzen, die eine gezündete Granate tragen.

Denkmal für die Gefallenen der Freiheitskriege auf dem Reformationsplatz
Denkmal für die Gefallenen der Freiheitskriege auf dem Reformationsplatz

Nur wenige Meter nördlich der Nikolaikirche befindet sich seit 1984 der U-Bahnhof Altstadt Spandau. Der Architekt Rainer G. Rümmler, der in den 1960er- bis 1990er-Jahren die Gestaltung der meisten neu erbauten U-Bahnhöfe verantwortete, gab der 14 Meter unter der Erde liegenden Station die Form einer dreischiffigen Halle und schuf eine optische Referenz an Spandaus bekanntestes Gotteshaus.

U-Bahnhof Altstadt Spandau
U-Bahnhof Altstadt Spandau

An einen weiteren Sakralbau erinnern nur noch eine Gedenktafel und ein Mahnmal. 1895 wurde am Lindenufer 12 die nach Entwürfen des Architekturbüros Cremer & Wolffenstein errichtete Spandauer Vereinssynagoge eingeweiht. Das zweigeschossige Gotteshaus mit seinem markanten achteckigen Turm, das bis zu 300 Mitgliedern Platz bot, wurde während der Novemberpogrome 1938 durch Brandstiftung zerstört. 1989 realisierten Ruth Golan und Kay Zareh ein Denkmal, das die Wucht der Zerstörung symbolisieren soll, vor einigen Jahren wurde es durch eine ansteigende Backsteinmauer mit Namenssteinen ergänzt, die an Spandauerinnen und Spandauer mit jüdischer Herkunft erinnern, die Opfer des Naziregimes wurden.

Mahnmal am Lindenufer
Mahnmal am Lindenufer

Flaniert man das Lindenufer in südlicher Richtung, entdeckt man, wo der Mühlgraben in die Havel fließt, einen flachen, kuriosen Backsteinbau. Das Batardeau ist das Überbleibsel der alten Spandauer Wehranlage. Es wurde Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, als die gesamte Befestigung um die Altstadt herum erneuert wurde. Aufgabe des Wasserstauwerks war es, den Wasserstand des ehemaligen Festungsgrabens zu regulieren, damit er beispielsweise bei Niedrigwasser der Havel nicht trocken lief.

Batardeau im Stabholzgarten
Batardeau im Stabholzgarten

Hinter dem Batardeau steht das Kulturhaus Spandau. Errichtet wurde das von Hans Heinrich Müller entworfene sechsstöckige Gebäude zwischen 1928 und 1930 als Gleichrichterwerk, um das mittlerweile verschwundene Straßenbahnnetz mit Gleichstrom zu versorgen. Seit Mitte der 1980er-Jahre konzentriert sich hier die Kultur der Altstadt. Das Haus beherbergt einen Theatersaal mit 144 Plätzen sowie eine Galerie, die sich mit inklusiven Ausstellungen ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der 34 kommunalen Galerien Berlins geschaffen hat. Auch ein Arthouse-Kino mit 81 Plätzen findet man im ehemaligen Umspannwerk.

Kulturhaus Spandau, Mauerstraße 6
Kulturhaus Spandau, Mauerstraße 6


Das Kino im Kulturhaus ist jedoch nicht das einzige Filmtheater in der Altstadt. Im Erdgeschoss des Wohnhauses Havelstraße 20 eröffnete mit den Spandauer Lichtspielen 1911 ein typisches Ladenkino. Bis 1967 wurde es mehrfach vergrößert und mindestens ebenso oft umbenannt. Als Aladin schloss es nach 56 Jahren, die Räumlichkeiten wurden als Supermarkt weitergenutzt. Die kulturelle Wiederbelebung erfolgte 1996 als Multiplexkino mit fünf Sälen, seit 2005 ist es Teil des Cineplex-Verbunds. Die historische Außenfassade blieb beim Umbau erhalten, aus den Fenstern der ersten Etage lächeln Hollywoodstars der 50er- und 60er-Jahre zum Publikum hinunter, zuversichtlich, dass die ihnen nachfolgende Generation hier demnächst wieder über die Leinwand flimmern darf.

Cineplex Spandau, Havelstraße 20
Cineplex Spandau, Havelstraße 20
Marc Lippuner

Marc Lippuner

leitet seit 2017 die WABE, ein Kulturzentrum im Herzen des Prenzlauer Bergs
Nebenbei frönt er mit den von ihm gegründeten „Kulturfritzen“, einem kleinen Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten, seiner Berlinliebe: So hat er eine monatliche Radiosendung bei ALEX Berlin und einen wöchentlichen Podcast Im Elsengold-Verlag erscheinen seit 2019 seine Wandkalender zur Berliner Geschichte Für unser Magazin unternimmt er kulturelle Entdeckungsreisen durch Berliner Kieze, empfiehlt eine Handvoll Kulturevents, die man in den kommenden Wochen auf keinen Fall verpassen sollte, und stellt aktuelle Berlinbücher vor.