Kurz und Knapp Portrait

“Kurz und Knapp” – Andreas Lehmann

„Kurz und knapp“ ist eine Interviewserie des Berliner Fotografen Jens Wazel
www.jenswazelphotography.com

Kurz und knapp … wer bist du? 

Ich bin Chefredakteur der Zeitschrift DAS MAGAZIN und einer der beiden Verleger des Kurznachzehn Verlages, der DAS MAGAZIN herausgibt. 

DAS MAGAZIN – das von früher? 

Ja, das von früher. DAS MAGAZIN mit dem KlemkeKater und den Aktfotografien. Das in der DDR sogenannte Bückware war, wo ein MAGAZIN-Abo in etwa so begehrt war wie Badfliesen oder Westgeld. Wobei das Heft noch länger existiert, seine Wurzeln hat es in den wilden 20er Jahren: gegründet 1924 von Robert Siodmak, dem Regisseur von „Menschen am Sonntag“, der später nach Hollywood ging. Jedenfalls ist DAS MAGAZIN wohl Deutschlands älteste Kulturzeitschrift. Tauchte sogar kurz und passenderweise in einer Szene in Babylon Berlin auf. 

Worum geht es, was sind eure Themen? 

Entscheidend ist, was unsere Autorinnen und Autoren erleben, und zwar hautnah: Leute, die einer besonderen Leidenschaft nachgehen: Beziehungen, Sex, Essen, Landschaft, Bücher, Filme, Kunst, Musik. Unsere Autoren fahren mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Teheran, leben eine Zeitlang als Einsiedler, sprechen mit Pinguinforschern oder porträtieren einen alten Uhrmachermeister. Wir sind leichtsinnig, heiter, verspielt. Wir pflegen einen anderen Ton, sehr subjektiv, manchmal komisch, keinen Wichtig-Popichtig-Journalismus. 

In der DDR begann DAS MAGAZIN 1954 … 

Genau. Damals wurde die sogenannte Politik des Neuen Kurses ausgerufen, was unter anderem zur Folge hatte, dass es fortan eine Zeitschrift jenseits der gängigen Agitation und Propaganda geben sollte. Brecht brachte den Titel DAS MAGAZIN ins Gespräch, den man allseits noch aus der Vorkriegszeit kannte. So kam es dann auch, und so begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Hilde Eisler als Chefredakteurin prägte das Heft jahrzehntelang, der große Werner Klemke zeichnete die MAGAZIN-Titel, und ja, es war die erste Zeitschrift, die einen Akt veröffentlichte. Das Heft war halbwegs weltgewandt und liberal wie kaum was anderes in der DDR, die Auflage lag zeitweise bei über 500.000 Exemplaren. Und wenn nicht diese DDRtypische Papierknappheit bestanden hätte, wären es wahrscheinlich noch viel mehr gewesen. 

Fühlst du da manchmal Leistungsdruck? 

Leistungsdruck würde ich das nicht nennen, ich habe ja Spaß an dem, was ich tue. Aber als ich auf den Chefredakteursposten rückte, habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, dass ich nicht derjenige sein will, der das Ding versemmelt. Ich mag natürlich lieber einen gelungenen Beitrag zu dieser langen, schillernden Geschichte leisten. Obwohl die Herausforderungen, vor denen man mit einer eher unabhängigen Zeitschrift steht, nun nicht gerade klein sind: Lesegewohnheiten ändern sich, die digitale Medienwelt ist überbordend, und wir stecken natürlich auch immer noch in der Ostfalle. 

Ostfalle? 

Wir werden unterschätzt, wir sind leider nicht präsent genug im ganzen Land, im Westen kennt man DAS MAGAZIN oft nicht. Weil man sich bis heute nicht wirklich für das, was da 1990 hinzugekommen ist, interessiert. Und natürlich sind wir – was die Leserschaft angeht – im Osten verwurzelter. Aber was die Beteiligten an der MAGAZIN-Produktion betrifft und damit die verhandelten Themen – das ist bunt gemischt, unsere Autorinnen oder Zeichnerinnen kommen aus Hamburg, Berlin, Südtirol, Leipzig oder von sonst wo. Mitunter weiß ich gar nicht, ob das dann ein Ossi oder ein Wessi ist. 

Wie hoch ist die Auflage? 

45.000, plus/minus. Der Vorzug dieses Heftes war ja schon immer, dass es, sagen wir, intelligente Unterhaltung produziert hat. Charmant im Ton, zuweilen ironisch und selbstironisch, nicht mit diesem überheblichen Besserwissergestus oder mit den üblichen ideologischen Phrasen – heute heißt es „Framing“ – wie das anderswo inzwischen Usus ist. Es ging im MAGAZIN nie um Belehrung, es war nie wirklich elitär. Heutzutage erleben wir ja ein beunruhigendes Auseinanderdriften von Schichten, Milieus, Oben, Unten, Stadt, Land; DAS MAGAZIN indes war immer ein Heft, das verbindet, das zusammenbringt. Es soll Spaß machen es zu lesen, Mann und Frau sollen angeregt werden – und da gibt es nach wie vor viele Leserinnen und Leser im Land, die das brauchen und goutieren. Wenn wir nur ein bisschen präsenter wären, könnten wir wahrscheinlich ein viel größeres Publikum erreichen. 

Wir kamst du zum MAGAZIN? 

Durch Zufall. Ich habe seinerzeit fürs Fernsehen gearbeitet, war aber mit dem, was ich da tat, fertig. Genau zu dem Zeitpunkt traf ich meine alte Kollegin Manuela Thieme wieder, die gerade Chefredakteurin des MAGAZINs geworden war und das Profil des Heftes schärfen und sich stärker auf die Wurzeln besinnen wollte. Dafür suchte sie neue Mitstreiter, sie fragte mich, ich hatte Bock. Ist fast 20 Jahre her. 

Wir haben uns auch vor gut 20 Jahren kennengelernt, bei deiner Recherche zu deinem Buch Go West. Ostdeutsche in Amerika. 

Ich konnte gleich nach der Wende mit einem Stipendium für längere Zeit in die USA und war tatsächlich überwältigt und begeistert. Ich bin mit den Amis sehr gut klargekommen, ich habe dort – jetzt wird es ein bisschen kitschig – tatsächlich ein Gefühl von Freiheit erfahren. Ich habe so viele Möglichkeiten gesehen, so viel Großzügigkeit, Neugier und, sagen wir, Zugewandtheit erlebt, dass ich mir schon vorstellen konnte da ganz hinzugehen. Aber das hat sich nicht ergeben. Meine Sehnsucht habe ich indes in dieses Buch gepackt. Da bin ich dann später kreuz und quer durch die Staaten gereist und habe die Ostdeutschen getroffen, die wirklich ausgewandert sind. 

Hast du die Sehnsucht heute noch? 

Immer mal wieder, ja. Daran ändert auch nichts, dass so ein Typ wie Trump Präsident werden konnte. Oder dass es mit der Krankenversicherung nach wie vor eine mittelschwere Katastrophe bleibt oder in San Francisco – wo ich Freunde habe – mit der Gentrifizierung noch mal eine ganz andere Nummer ist als hier in Berlin. Aber ich bin hier verwurzelt. Ich bin in der Sprache zu Hause, habe einen tollen Job. Was soll ich in Amerika? Wenn ich Fahrradmechaniker wäre oder Bierbrauer, dann ja. So was werde ich im nächsten Leben, und dann mache ich das.

Du bleibst also in Berlin? 

Bestimmt. Ich wohne seit 35 Jahren in Prenzlauer Berg, hier wollte ich damals hin, hier bin ich geblieben, auch wenn das heute natürlich eine ganz andere Geschichte ist. Leider blieb so gut wie nichts von all dem Unkonventionellen, Unsortierten übrig. Es geht jetzt darum, dass die Handwerker die 25.000-Euro-Küche auch ordentlich in die großzügig geschnittene Eigentumswohnung einbauen und die wunderbaren Kinder auf dem richtigen Gymnasium landen. Ich bin auch immer wieder irritiert, dass die Damen und Herren vom Ordnungsamt inzwischen das Straßenbild beherrschen. Ich habe – lange vor Corona – mal geschrieben, dass es nur noch fehlt, dass sie kontrollieren, ob wir auch ja ein sauberes Taschentuch dabei haben. Alte Omis oder normale Arbeiter wohnen hier nicht mehr. Das ist manchmal ganz schön eintönig und monokulturell. Gott sei Dank habe ich meinen Fußballverein – die Alten Herren der SG Rotation Prenzlauer Berg – da spielen noch die, die früher hier in Prenzlauer Berg lebten: Dachdecker, Elektriker, Hausmeister – sorry, heute sagt man ja „Facility Manager“.

Wie geht’s dir in der Corona-Zeit? 

Mit dem MAGAZIN ganz gut. Unsere Leser sind heilfroh, dass es bei uns nicht auch noch um Infiziertenzahlen und öde Berichte aus dem Homeoffice geht. Ansonsten ist das natürlich alles unerquicklich. Ich bin nicht der Typ, der zu Hause auf der Couch und vor der Glotze sitzt. Ich kann nicht mal mehr Netflix. Ich brauche urbanes Leben, warum sonst bin ich denn in Berlin. Ich will wieder auf den Fußballplatz und anschließend mit den Jungs Bier trinken. Ich will mein altes Leben zurück, aber wer will das nicht. 

Vielen Dank! 

Andreas Lehmann

Andreas Lehmann

ist Chefredakteur der Zeitschrift DAS MAGAZIN und gelegentlicher Buchautor, zuletzt erschien von ihm: Die neuen zehn Gebote. Wie Erziehungsexperten, Gesundheitsfetischisten und militante Nichtraucher zu den Priestern unserer Zeit wurden.

www.dasmagazin.de 

Jens Wazel

Jens Wazel

 ist Fotograf und Videofilmer. Im Osten aufgewachsen, wohnt er nach 25 Jahren in den USA wieder in Berlin.

www.jenswazelphotography.com