Kurz und Knapp Portrait

“Kurz und Knapp” – Franziska Hauser

„Kurz und knapp“ ist eine Interviewserie des Berliner Fotografen Jens Wazel
www.jenswazelphotography.com

Kurz und knapp… wer bist Du?

Ich bin Schriftstellerin und Fotografin. 75 bin ich in Pankow groß geworden und seitdem 4 U-Bahn-Stationen weitergekommen. Jetzt wohne ich im Prenzlauer Berg.

Wie geht es Dir mit den vielen Zugezogenen im Kiez?

Mit den Prenzlauer Berger Schwaben komme ich eigentlich gut klar. Sie machen das, wozu die Urberliner zu faul und zu abgeklärt sind und zu wenig Geld haben. Die Schwaben und Badener engagieren sich in den Schulen und für ihre Wohngegend. Sie sollten sich auf keinen Fall der Berliner Unfreundlichkeit anpassen und sich nicht abschrecken lassen. Berlin kann seine Schwaben gut gebrauchen.

Aber gibt es nicht auch Konflikte?

Es stimmt schon, dass Berliner schwer rumzukriegen sind, nett zu sein. Wenn man es aber geschafft hat, dann hat man sie für immer gewonnen. Für die alltägliche Lebensfreude mag ich aber auch sehr gerne eine oberflächliche Schwäbische Freundlichkeit, die leichter zu haben ist. Was mich hier ärgert, sind die reichen Leute, die sich total abgrenzen von der sehr klein gewordenen ursprünglichen Bevölkerung des Bezirks. So Leute, die komplett andere Relationen haben. Da gibts einen immer tiefer werdenden Graben zwischen oben und unten und ein großes Unverständnis.

Wann hast Du mit dem Schreiben angefangen?

Mein Vater hat mich als ich elf Jahre alt war gefragt, was ich später werden will, hat eine Kamera aufgestellt, und ich habe aus vollem Herzen gesagt: „Ich will Schriftstellerin werden“. Mit 34 habe ich aber erst angefangen. Vielleicht lag es an meiner Legasthenie, dass ich immer dachte, ich darf die Worte nicht benutzen, weil ich sie nicht richtig schreiben konnte. Dann hat mein Ex-Mann gesagt, die Rechtschreibung sei nicht so wichtig, und ich habe angefangen.

Und dann?

Ich schreibe jetzt am vierten Roman. Es ist schwer zu sagen, wovon er handelt, weil es meistens ist wie ein Forschungsauftrag. Ich will irgendwas rausfinden und tue das, indem ich eine Geschichte darüber schreibe.

Sind es wahre Geschichten?

Der zweite Roman ist biografisch. Er handelt nicht von mir, sondern von meiner Mutter und der ganzen Familie. Es hat sieben Jahre gedauert daran zu schreiben, und als er fertig war, habe ich mich sehr danach gesehnt, mir wieder was ausdenken zu dürfen. Das habe ich jetzt gemacht.

Wann und wo schreibst Du?

Bisher ging es nur 20 Minuten, während die Kartoffeln kochten oder in der U-Bahn auf dem Weg von einem Job zum nächsten, in der Garderobe, während eins der Kinder beim Tanzkurs war. Immer wenn Zeit war. Auch wenn keine Zeit war, zwischendurch. Ich bin schon stolz auf diesen zweiten Roman und auf die Buchpreis-Nominierung. Aber viel stolzer bin ich eigentlich darauf, dass ich es geschafft habe, nebenbei zwei Kinder großzukriegen und zu ernähren und Geld zu verdienen in Jobs, die zwar schlecht bezahlt sind, dafür aber einen Sinn haben, den ich mit Stolz vertreten kann. Das ist für mich die eigentliche Leistung daran.

Klar gab es auch ständig Verzweiflungsanfälle, in denen ich mich bei der ganzen Welt beschwert habe, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann. Die Arbeit nie ablegen zu können, belastet ja immer die Familie und die Liebe. Inzwischen sind die Kinder so groß, dass ich regelmäßiger schreiben kann.

Viele Deiner Texte spielen in der Vergangenheit…

Woraus soll man sonst schöpfen? Vielleicht sind meine Texte auch wie meine Fotos. Da ist immer viel kaputt und alt, und es ist viel Geschichte drin.

Allerdings habe ich mich mit dieser Familiengeschichte auch selbst traumatisiert. In „Die Gewitterschwimmerin“ kommt eigentlich alles Schreckliche vor, was Menschen einander so antun können. Das habe ich ja alles irgendwie durchlebt. Ich dachte, ich wäre es los, wenn das Buch fertig ist. Aber es liegt mir immer noch wie ein Felsen auf den Schultern und hat mich total empfindlich gemacht. Ich könnte bei jedem Stolperstein auf dem Bürgersteig losheulen. Davon gibt es ja im Prenzlauer Berg wirklich eine Menge, und andererseits bin ich ja auch froh, von diesem spürbaren Geschichtenreichtum umgeben zu sein.

Du bist ein Ost-Kind, hast Du auch ein Ost-Thema?

Wenn ich ein bisschen älter wäre, hätte ich auch diese maroden DDR-Schwarz-Weiß- Fotos machen können von leeren Straßen, in denen ein Trabi steht, ein paar Straßenkatzen auf kaputten Fenstersimsen sitzen und Omas in Dederon-Kitteln Einkaufsnetze schleppen. Man konnte ja sehr schöne Fotos machen in der DDR. Die waren auch damals schon schön. Und nach der Wende waren eben überall nur noch Autos und Werbeplakate, und alles wurde so laut und bunt und grell und einfach fotografisch für mich nicht mehr interessant.

Was macht dann die Fotografin?

Was man nicht mehr fotografieren kann, kann man immer noch beschreiben. Ich hole alles schreibend zurück. Dabei habe ich gelernt, dem Leser nicht vor die Füße zu werfen, was ich selbst interessant finde. Das funktioniert nicht. Ich muss ihm zutrauen, es selbst rauszufinden, und das finden dann natürlich oft die Leute raus, die aus dem Osten kommen, weil sie vielleicht dieselbe Sehnsucht haben. Mit dem Fotografieren ist es genauso. Der Betrachter muss selbst denken dürfen.

Was kommt als Nächstes?

Mein Uropa hat immer gesagt, das Leben fängt erst an, wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind. Ich merke schon, dass ich jetzt langsam mal versuchen muss, eine andere Rolle zu finden und nicht mehr immer diese Herbergsmutter bleiben kann mit einer großen Wohnung, wo ständig Essen auf dem Herd steht und Kinder und Freunde da sind. Das ist einfach mein Lieblingszustand, aber der ergibt sich immer seltener. Schließlich habe ich jetzt schon eine kleine Enkeltochter.

Was kommt als Nächstes?

Mein Uropa hat immer gesagt, das Leben fängt erst an, wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind. Ich merke schon, dass ich jetzt langsam mal versuchen muss, eine andere Rolle zu finden und nicht mehr immer diese Herbergsmutter bleiben kann mit einer großen Wohnung, wo ständig Essen auf dem Herd steht und Kinder und Freunde da sind. Das ist einfach mein Lieblingszustand, aber der ergibt sich immer seltener. Schließlich habe ich jetzt schon eine kleine Enkeltochter.

Verdienst Du Deinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben?

Im Moment ist es mein Lebenskonzept, immer so wenig Geld zu haben, dass ich mir keine Flugreisen leisten kann. Geld zu haben stresst mich total, auch wenn es ein Depot wäre. Ich brauche dieses Gefühl, verletzbar zu sein. Das geht natürlich nur in diesem hängemattenartigen Sicherheitsgefühl, das ich hier habe und mit der Möglichkeit, neben den Jobs noch genug Zeit zu haben. Im Moment unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache und mache jeden Monat Interviews für Das Magazin.

Wohin verreist Du gerne?

Das Prinzip Urlaub habe ich irgendwie nie richtig verstanden. Viele Leute müssen ja offenbar ständig irgendwo hin, weil irgendwer gesagt hat, dass es da toll ist und weil sie einfach dieses Bedürfnis haben. Ich verreise zwar auch total gerne, aber nur, wenn ich einen Grund hab, wenn es irgendeinen Sinn gibt, wenn ich da was rausfinden will oder jemanden besuche oder eine Lesung habe.

Bist Du dann eher ein Stadtmensch?

Ich wurde von dieser Stadt erzogen, habe gelernt, mich nicht ausbeuten zu lassen, mir zu nehmen, was ich brauche und mich trotzdem anzupassen. Ich bin einerseits eine Berliner Straßenkatze und andererseits auch eine verwöhnte Wohlstandstochter. In beidem sehr individualistisch. Ich könnte behaupten, dass ich mit allem irgendwie klarkomme, aber sobald ich nicht jederzeit sagen darf, was ich denke, komme ich nicht mehr klar. Das ist meine „Berliner Erziehung“. Ich halte mich nicht gerne an vorgegebene Richtlinien.

Und wenn Du mal draußen bist…?

Wenn ich auf dem Land bin und merke, dass ich von der Stille schon gar nichts mehr weiß und von der Langsamkeit, mit der dort die Dinge passieren, die einem nur auffallen können, wenn man genau hinsieht, dann komme ich mir ganz degeneriert vor. Ich könnte mich diesem stillen Dasein wahrscheinlich nur schwer ergeben, zumal es mir jeden Tag schwerer fällt, mit der Klima-Krise-Depression klarzukommen.

In welcher Gegend fühlst Du Dich zu Hause?

Brandenburg, Uckermark, Mecklenburg, eigentlich alles um Berlin herum ist meine Lieblingslandschaft. Das sind ja auch die ganzen Erinnerungen und die Geschichte und die Menschen und das Gefühl, zu Hause zu sein. In der Normandie kann ich nur staunen oder an der Nordküste Irlands. Das finde ich irre toll, aber die Verbundenheit fehlt mir da. Ich bin irgendwie gerne verbunden.

Vielen Dank!

Franziska Hauser

Ihr Buch „Die Glasschwestern“ erscheint am
28. Februar im Eichborn Verlag. Der zweite Roman „Die Gewitterschwimmerin“ (Eichborn) war 2018 für den Deutschen Buchpreis nominiert und der erste Roman „Sommerdreieck“ (Rowohlt) hat den Debütantenpreis der lit.Cologne 2015 gewonnen.

https://www.foto-haus.info

Jens Wazel

ist Fotograf und Tanzlehrer. Im Osten aufgewachsen, wohnt er nach 25 Jahren in den USA jetzt wieder im Prenzlauer Berg. Er hat auch eine Serie mit Video- Portraits und arbeitet derzeit an einem Film über die Geschichte des „Conscious Dance“.

www.jenswazelphotography.com